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unveröffentlicht Die
versammelte Wirteschar war im Säli des Restaurant
"Drei Könige" heftig am Diskutieren. Den einen schien der
Vorschlag
von Bruno Oertig zu gefallen, andere hielten mit ihrer Skepsis nicht
hinter dem Berg.
Im allgemeinen Lärm stand Bruno ruhig am improvisierten Rednerpult und wartete. Seine Freude über die vollständige Anwesenheit aller Wirte des Dorfes, einschliesslich der Bärenwirtin Vreni als einziger Frau, schlug allmählich in Verdruss um. Er schaute hinüber zu Paul, dem einzigen, den er zuvor in seine Pläne eingeweiht hatte. Sie hatten zusammen darüber sinniert, den Sospeso in ihrem Dorf einzuführen. Bruno erinnerte sich, wie er, zurück aus seinem Sommerurlaub in Italien, den Wirt der Altmühle in Verwirrung gebracht hatte: "Guten Tag, Paul, hast Du einen Sospeso für mich? Ist jemand Vater geworden oder ging das Geschäft eines ungeliebten Patrons in Konkurs ? Diesen Sospeso nehm ich gerne für mich in Anspruch." Paul hatte natürlich kein Wort verstanden und so weihte ihn Bruno in den Brauch des Sospesozahlens ein. In Süditalien, so erzählte er, in Dörfern oder in Randbezirken grosser Städte, etwa in Neapel, konnte man manchmal das Glück haben, dass einer einen Sospeso bezahlte. Bei Ankunft eines Babys oder deren zwei, bei Glück im Spiel oder wenn die Schwiegermutter endlich in den Norden umgezogen war, wurde dieses Freudenopfer gebracht. Wann immer jemand vom Glück besonders verwöhnt worden war, zahlte er in seinem Stammlokal anstelle des einen Kaffees, den er selbst trank, deren zwei. Wer als nächster in diesem Lokal nach einem Sospeso fragte, kam in den Genuss des Gratisgetränks. "Dieser Kaffee kostet Sie nichts", so etwa könnte es in Italien klingen, "Carlo Pedrutti, dem Journalisten vom <Oggi sera> ist dies zu verdanken. Aus Freude, weil Giuseppe Barossa, sein Konkurrent vom <Domani matina> im Versuch, einen Autoräuber selbst zu stellen, beide Hände gebrochen hat, hat er diesen Sospeso bezahlt." Dieser Giuseppe Barossa fällt also einige Zeit aus dem Rennen um höchste Auflagezahlen, was für Carlo Pedrutti eine grosse Freude bedeutet. Auf diese Weise kommt ein armer Schlucker zu einem Gratiskaffee und das ganze Lokal teilt mit Carlo die Freude über entspannte Tage beim <Oggi sera> Paul aus der Altmühle gefiel dieser südliche Brauch so gut wie Bruno, der daraufhin nicht mehr zu bremsen war. Was, wenn sie zwei in ihrem Dorf so einen Sospeso einführen würden? Er, Bruno, wollte das gerne an die Hand nehmen. Er sei überzeugt, für diesen Vorschlag begeisterten Zuspruch zu erhalten. "Liebe Mitwirte, liebes Vreni vom Bären. Ihr alle habt den Vorschlag von Bruno Oertig gehört und ich möchte hier meine Meinung dazu sagen." "Dass Du den Vorschlag vom Oertig unterstützst ist ja klar",unterbrach ihn Jörg Solla vom Ochsen, "der bringt Dir ja auch viel Bares in die Beiz", und er rieb zu Bekräftigung seiner Worte Daumen, Zeig- und Mittelfinger aneinander. "Als Bruno von seinem Italienaufenthalt diesen Sommer zurückkkam", fuhr Paul fort, ohne sich von Solla unterbrechen zu lassen, "als er mir erzählte von diesem Sospeso, war ich wirklich sehr angetan von dieser Idee. Den Vorteil für unser Gewerbe sehe ich darin, die Leute wieder vermehrt in unsere Lokale zu bringen.In der Hoffnung, einen Sospeso zu ergattern, werden sie kommen. Haben sie Pech und es gibt keinen Gratiskaffee, werden sie sich gewiss in der Wirtsstube umsehen, treffen einen Bekannten oder Nachbarn und setzen sich auf einen Schluck oder zwei. So würde wieder Leben einkehren ins Dorf, vor allem auch am Abend. Bedenkt auch, jeder der etwas auf sich hält und sich in der Gemeinde einen guten Ruf schaffen will, wird darauf bedacht sein, Sospesos zu zahlen, um so als generöser Mitbürger zu gelten." "Warum muss es denn ein Kaffee sein ?" meldete sich Vreni jetzt zu Wort, "ich bin dafür, wenn schon, sollte man ein Glas Wein spendieren." "Oder gleich ein ganzes Menue oder eine Runde für den Stammtisch, höhö", kicherte Brüggli Ernst, den nie jemand ernst nahm. Paul hatte sich wieder hingesetzt und das Wort ergriff jetzt Niklaus Elsener, Schwändi Klaus genannt: "Ich sehe ein grosses Problem in der Kontrolle dieser neuen Mode. Ich will es Euch an einem Beispiel verdeutlichen. Wenn jetzt ein mit besonders viel Freude bescherter Gast bei einem von uns Wirten gleich fünf Sospesos bezahlt...." "Sospesi!" warf Bruno dazwischen. Auf Schwändi Klaus fragenden Blick: "Die Mehrzahl von Sospeso ist Sospesi. Aus dem O im Italienischen wird in der Mehrzahl ein I. Wie Bambino, das wird dann zu Bambini." "Ah, so", fuhr Klaus fort, "kommt nun also ein Gast für mehrere Sospesiss auf, - Bruno sagte nichts mehr- wer kontolliert dann, dass diese auch weitergegeben werden ? Da kann doch einer leichtens alles in die eigene Tasche schaufeln. <Einen Sospeso, wird er sagen,nein, tut mir leid, heute ist keiner bezahlt worden! > Und dabei hat er an diesem Morgen schon drei vor Freude Verrückte zu Besuch gehabt." "Ha, das spricht sich doch herum", das Vreni vom Bären, "also wenn zum Beispiel der Gähler Otti, den kennt ihr ja alle, wenn der einen Kaffee spendiert, da bin ich überzeugt, der bleibt so lange hocken bis einer kommt, der von seinem Geschenk profitiert und versichert sich dessen ewiger Dankbarkeit.". "Genau!" auch Hinden Fridli musste jetzt seinen Senf dazugeben "andere werden am nächsten Tag kommen und genau wissen wollen, wer denn nun ihren Sospeso getrunken hat um demjenigen per exgüsi zu verraten, wer der edle Spender war. Sicher wird auch im Lokalblatt zu lesen sein, dass einer, in der grossen Freude, seines Vaters Geschäft übernommen zu haben, im Restaurant "sowieso" einen Sospeso bezahlt habe" "Und überhaupt", griff nun das Bären Vreni wieder in die Disskusion ein, "wenn ich mir vorstelle wo das hinführt, Verleumdung, Korruption, Wirteboykott! Wir wissen ja ganz genau wie das da bei den Tschinggeli im Süden zugeht. Solche Verhältnisse wünsche ich mir hier nicht in unserem Dorf. Bei uns soll alles seine Ordnung haben!" "Nun mach aber einen Punkt !"wehrte sich Bruno, dem dies jetzt alles langsam zu viel wurde, "Du siehst doch jetzt aber Gespenster! Wir sind doch hier nicht in Chikago. Nein, jetzt schiesst Du also den Vogel ab, Du!" Er bereute, überhaupt diesen Vorschlag gemacht zu haben und dachte resigniert er an die Leichtigkeit, mit denen die Neapolitaner den Brauch des Sospeso handhabten.Aber Vreni gab nicht klein bei: "Was denkst Du! Ich kenne doch unsere Dörfler. Ich sehe sie doch schon alle. Stellt Euch doch mal Folgendes vor", sie wandte sich von Bruno ab und sprach zu den Männern im Saal: "da behauptet einer, nur so als Beispiel, sagen wir fünf Sospeses bezahlt zu haben, aber dies stimmte dann gar nicht. Er beschuldigt aber den Wirt, diese fünf Sospesis nicht weitergegeben zu haben und ruft in seiner Empörung gleich zum Boykott dieses Lokals auf. Dies tut er alles im Auftrag eines andern Wirts, der dafür eine Kleinigkeit hat springenlassen." Vreni hielt zum besseren Verständnis die hohle Hand hinter den Rücken. "Um sich zu rächen" fuhr sie fort,"wird nun der rufgeschädigte Wirt verlauten lassen, dass ein Gast, nehmen wir an, der Gantner Otto, dass der also, obwohl im Lotto einen Fünfer getippt, sich nicht einmal zu einem Sospesto durchgerungen hätte. Und dieser nun wiederum, um dieses Gerücht zu entkräften, wird, obwohl er gar nie Lotto spielt, ein Dutzend Sospesos bezahlen. Dies nützt ihm aber wenig, wenn der schlaue Wirt das Geld in seine Tasche streicht und tut, als wisse er von nichts." Vreni war in Fahrt gekommen und hatte ihre helle Freude an den wilden Spekulationen. Sie nahm einen grossen Schluck aus ihrem Bierglas, wischte sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen und lehnte sich im Stuhl zurück, zufrieden die Wirkung ihrer Worte betrachtend. Bevor Bruno seinem Aerger über diesen hirnverbrannten Bocksmist Luft machen konnte, meldete sich jetzt Hinden Aschi, Wirt der Hofweid: "Wenn das Ganze nur nicht so einen ausländischen Namen hätte. Es passt nicht zu uns, dieses Sospesoszeugs. Wir pflegen ja unsere eigenen Sitten, geben einen aus am Geburtstag und zahlen eine Runde am Stammtisch. Es scheint mir ganz gut so, wie es ist, ohne diesen italienischen Firlefanz." "Eine Idee wäre noch", versuchte es Bruno noch einmal, " dass man ja eben nicht weiss, von wem der Sospeso bezahlt wurde. Am Morgen stehst Du ahnungslos auf, dann wirst Du Empfänger eines Gratiskaffees und fühlst, dass dies ein ganz besonderer Tag wird. Der Spender seinerseits tappt völlig im Dunkeln darüber ,wen er erreicht mit seinem Sospeso und kann sich ausmalen, wie der Empfänger rätseln wird und ihn mit positiven Gedanken überschüttet. Es ist doch nicht dasselbe, wie wenn mir einer einen Kaffee bezahlt und ich danke ihm und weiss schon genau, morgen werde ich ihm einen Kaffee bezahlen und er dankt mir. Das ist doch so öd und ohne Spannung wie doppelte Buchhaltung." Bruno schaute in die ausdruckslosen Gesichter um ihn herum und war es nun wirklich leid. Diese Banausen hatten einfach keine Ahnung von echtem, südländischem Lebensgefühl. "Also, wenn Du grad von Buchhaltung sprichst, ich sähe da eine Lösung, um dem von Vreni angesprochenem Missbrauch zu begegnen." Es war Paul von der Altmühle, der dies sagte, "jeder könnte doch Buch führen über eingenommene Sospesi und eine Person aus dem Dorf, die über jeden Zweifel erhaben ist, könnte von Zeit zu Zeit kontollieren, ob auch alle Sospesi wieder ausgegeben wurden."Bruno warf ihm für die korrekte italienische Mehrzahlendung einen dankbaren Blick zu.Aber jetzt kam Bärenwirtin Vreni aus dem Busch. Sie stand auf und stemmte beide Fäuste in die Hüfte:"Eine über jeden Zweifel erhabene Person! Ha! Das möchte ich nun aber einmal sehen, wie ihr die finden wollt. Also ich, ich kenne keine einzige solche Person.Ist mir niemals eine solche begegnet. Wenns ums Geld geht, da kennen die nichts, alle!" Bruno beschloss in dem Moment, den Bären zu meiden für alle Zeit."Ausserdem", fuhr Vreni fort, " wie wollen wir denn das bezahlen? Wer arbeitet denn heute noch gratis? Buch führen, kontollieren, das gibt Arbeit. Ihr könnt mir glauben, die Zeit, die ich dazu bräuchte, nehme ich mir lieber für einen Schwatz. Da kann ich nämlich auch Freude bereiten und positive Gedanken ausschütten. Und das erst noch gratis."Bruno reagierte nicht mehr. Er gab Paul ein Zeichen, die ganze Sache zu vergessen und die Zusammenkunft zu beenden. Er hatte die Nase voll. Paul schaut auf die Uhr an seinem Handgelenk und verschaffte sich erneut Ruhe mit dem Kaffeelöffel: " Liebe Mitwirte," hub er an, "es scheint, dass wir heute zu keiner Lösung in Bezug auf die Einführung des Sospeso kommen werden. Ich beantrage deshalb, dass wir uns über den Vorschlag von Bruno nochmals Gedanken machen, jeder für sich und in aller Ruhe und zu späterem Zeitpunkt wollen wir zusammenkommen und erneut darüber beraten." Zustimmendes Murmeln und Kopfnicken im Saal. "Ich möchte die Gelegenheit ergreifen," fuhr er fort, " Euch mitzuteilen, dass diese Nacht der Pringer Karl sein Leben ausgehaucht hat. Er starb in Frieden mit Gott im Alter von fünfundsiebzig Jahren, ich weiss, noch kein Alter. Er war ein treuer Gast in unseren Lokalen und hatte immer ein offenes Herz und eine offene Hand für andere. Wir wollen uns erheben und eine Minute schweigend seiner gedenken." ----------- "Die Beerdigung" , fuhr er fort, als sich die Anwesenden wieder gesezt hatten, findet nächsten Donnerstagnachmittag statt. Nachher trifft sich die Trauergemeinde im Saal des Hotel Sonne. Es ist jeder zu einem Zvieri eingeladen. Wie ihr alle wisst, hat der Pringer Karl keine Hinterlassenschaft und so wird der Lori Berti für den Imbiss aufkommen. Wir wissen diese grosszügige Geste zu schätzen und es ihm zu danken. Ihr habt ja sicher gehört, dass der Lori sich diesen Herbst für das freiwerdende Amt in der Fürsorgebehörde zur Wahl stellen will. Er rechnet fest mit unser aller Unterstützung und ich bin überzeugt, wir können ihm unbesonnen unsere Stimme geben. Ich schliesse hiermit unsere Sitzung und wünsche allen eine gute Heimkehr." ![]() |