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![]() Sie erschien ihr grau, abweisend, feindlich, die Stadt. Diese Stadt in der Westschweiz verschloss sich vor ihr, wies sie ab. Zwar ist es eine schöne Stadt mit einer kleinen, gemütlichen Altstadt. Obligate Requisiten aus vergangener Zeit wie etwa eine öffentliche Waschanstalt, Trödelläden und ein mit Holz ausgekleideter Zigarrenladen drängte sich zwischen Spiellokale, teuere Kleinstboutiquen und viele Bistros. Über die schiefen Dächer der alten Häuser erhebt sich ein dicker Steinturm, einziges Überbleibsel einer früheren Stadtmauer. Moderne Häuser ziehen sich dem See entlang, unterbrochen von einer breiten Promenade, die, wie es der Name sagt, zum Spazieren einlädt. Wellen schlagen an die Ufersteine und verspritzen ihre Gischt manchmal bis an die Schuhe der Bummelnden. Es mangelt nicht an Sehenswürdigkeiten, wer Zeit hat könnte etwas anfangen mit ihr. Touristen sind begeistert und reisen von weit her. Sie fahren mit dem alten Tram den Berg hinauf, bewundern dies und jenes und machen regen Gebrauch von ihren Fotoapparaten. Wissen sie nicht mehr, was noch unbedingt gesehen werden muss, kommen sie zu ihr und fragen um Rat. Claudine sitzt auf ihrem Stuhl hinter einer langen Theke im Informationsbüro. Sie ist die weise Fee, die allen raten kann, was in der Stadt sich anzusehen lohnt, wie man dahin kommt und was wann wo offen ist. Dazu hat sie ihre Unterlagen. Stösse von Prospekten, Stadtkarten und Stadtführern stehen ihr zur Verfügung. Darin wühlt sie, findet heraus, wann das Spieluhrenmuseum geöffnet ist, wie der Film heisst, der im Kino läuft oder was eine Seerundfahrt kostet. Sie nickt lächelnd, wenn ein Amerikaner begeistert ruft: <What a wonderful place!> Sie runzelt mitfühlend die Stirn, wenn ein alter Mann über eine vor der Nase weggefahrene Bergbahn klagt. Es macht ihr Spass, diesen Unbeholfenen zu helfen. Sie hat sie gern, die Engländer und die Amerikaner, die Deutschen oder die Franzosen. Ein Einheimischer kommt nie in ihr Büro. Sie wissen schon alles über ihre Stadt, haben für die suchenden und ah und oh rufenden Bewunderer nur ein mitleidiges Lächeln. Claudine mag sie nicht, diese hochmütigen Einheimischen. Sie sprechen eine Sprache, die Claudine zwar versteht und doch nicht verstehen kann. Sie hasten durch die Strassen, bleiben für kurze Augenblicke stehen, um mit anderen Hastenden ein paar Worte zu wechseln und eilen weiter. Andere werfen im Gehen ein paar Worte über die Strasse zu andern Nichtstillstehenden. Sie, Claudine, übersehen sie. Sie schwimmt im Strom der Leute und verliert sich darin. Niemand grüsst sie, und sie grüsst niemanden. Sie wird nicht wahrgenommen und nimmt selbst alles wahr. Jeder Blick, der sie nicht trifft, bestätigt sie in der Überzeugung, dass diese Stadt sie nicht mag. Und dabei meint sie die Menschen, die dieser Stadt ihr Gesicht geben. Claudine blickt überrascht auf, schaut in das Gesicht eines jungen Mannes, der ihre Sprache spricht. Sie versteht ihn. Er steht vor der Theke und möchte von ihr eine Zimmervermittlung. Kein Hotel, nein, er möchte hier länger wohnen. Also keiner aus der Stadt, auch kein Tourist. Vielleicht einer von ihrer, Claudines Gattung? Sie hilft ihm, spricht zu ihm in ihrer beider Sprache, und sie fühlen sich angezogen voneinander. Ihre Augen verraten es. Claudine sucht umständlich in ihren Büchern. Sie will ihm ein gutes Zimmer finden, und sie will ihn noch ein wenig dabehalten, ihn, der zwar ein Fremder ist, ihr aber nicht fremd. Schliesslich nimmt er den Zettel mit der Anschrift, den sie ihm hinhält, grüsst und geht durch die Glastür hinaus. Sie sieht ihm nach, wie er suchend den Platz vor ihrem Büro überquert und schliesslich zielbewusster in der Menge verschwindet. Sie spürt etwas wie Enttäuschung. Die Sonne draussen wird von einer grauen Wolke verdeckt und übertönt von einer Stimme: < A quelle heure il y a le prochain train pour......> Sie sucht die Abfahrtszeit, findet sie, lächelt. Glastür auf, Glastür zu, < ja, das Ausflugsschiff fährt nur bei schönem Wetter, nein, ich kenne das Red Rose nicht von innen.> Er ist verschwunden in der Menge und aus ihrem Leben. Doch Heimatlose in dieser Stadt finden sich wieder. Sie werden von derselben Einsamkeit geplagt, suchen an denselben Plätzen Wärme und Geborgenheit. Diese Illusion vermitteln ihnen die kleinen Bistros. Fritieröl riecht überall nach Fritieröl, Bier nach Bier und Schweiss nach Schweiss. Alles miteinander riecht nach Heimat. Doch der Schein trügt. Die Menschen, die hier ihre Pommes frites essen, sprechen die fremde Sprache, der Fernsehapparat, der in der Ecke steht spricht sie, auch der Wirt und die Kellner. Dennoch fühlt man sich hier besser als in einem leeren , stummen Zimmer. Er sitzt in der Ecke, als Claudine eintritt, trinkt Kaffee und liest die Anschläge im Lokal. Winzerfest – Blumenfest – Weindegustationen. Erst erkennt er sie nicht, ist dennoch gewillt, ihre Bekanntschaft zu machen. Dann erinnert er sich. Die Dame vom Touristenbüro! Sie setzt sich, fühlt sich gut. Sie hat Lust, zu lachen. Doch vorerst begnügt sie sich damit, ihn zu betrachten. Seine Augen gefallen ihr und sein dichtes Haar. Die Hände sind zwar etwas schmal für einen Mann; er ist überhaupt eher klein. Doch er gefällt ihr. Sie reden. Sie bestellen einen halben Liter Wein, der hier wächst, auf den Hängen ausserhalb der Stadt. Der Wirt empfiehlt ihn. Sie reden, manchmal lachen sie. Nun kann sie das Lachen herauslassen, dieser Mann gefällt ihr, und sie kennen sich nun schon ein wenig. Das Bistro erscheint gemütlich. Das Lachen anderer Gäste klingt zu ihnen herüber. Claudine denkt: <Diese Nacht!> Sie bezahlen, treten auf die Strasse, betreten ein anderes Bistro. Und noch ein anderes. Ob sie einen Wunsch habe, fragt er. O ja! Sie hat einen Wunsch. Das Red Rose. Das möchte sie gern einmal von innen sehen. Und sie sieht es von innen. Und sie liebt das Red Rose. Sie liebt die Strasse, auf die sie nachher wieder treten, liebt die Menschen, die sie umgeben. Sie gehört heute zu dieser Menge. Keiner braucht sie zu grüssen, sie wurde schon gegrüsst. Heute Abend wurde sie gegrüsst. Zwar ist es kalt, Herbst, doch ihr ist warm von innen und vom Wein. Sie bummeln langsam durch die Altstadt. Sie zeigt ihm, von dem sie nun weiss, dass er Leo heisst, Interessantes. Sie spielt die Dame vom Touristenbüro. Es gefällt ihm hier und ihr auch, jetzt. Mein Gott, denkt sie, diese Stadt, sie ist schön und freundlich, und sie mag mich auch. Endlich hat sie mich aufgenommen, diese Stadt. Claudine sitzt hinter der Theke auf ihrem Stuhl. Es ist Tag geworden. Ein Tag wie jeder andere. Und doch ein besonderer Tag. Scheint die Sonne nicht viel heller heute, singen die Vögel nicht lauter? Claudine bedient ihre Kunden heute mit Enthusiasmus.<Ja, das Red Rose kenne ich persönlich, wundervoll, müssen Sie unbedingt besuchen! Bye, bye......> Zwischendurch trät sie Anschriften von freigewordenen Zimmern in ein Buch. Ruelle Vaucher 15, Rue de la gare, Avenue du St.Georges, Rue principale 22. Rue principale 22 ? Sie stutzt, schlägt etwas nach in dem Buch. Da, die Eintragung von gestern. Rue principale 22, Leo Gantner. Das ist doch......abgereist! Sie starrt durch die Scheibe, den Kopf auf beide Hände gestützt. Starrt hinaus in die Stadt, die sie aufgenommen hat für eine Nacht. Die sich erneut verschliesst vor ihr. Sie hasst diese Stadt. |