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erschienen
im Tages Anzeiger
Frühaufsteher
Als ich Bieri letzthin um sieben
Uhr
morgens im Tram traf, war ich sehr erstaunt darüber, weiss ich
doch, dass er zu den klassischen Langschläfern gehört. Meine
Verwunderung war ihm Anlass, mir seine Leidensgeschichte zu
erzählen.
Er habe sich, erklärte er, immer wohl gefühlt
als Langschläfer, habe es genossen, lange liegenzubleiben, um erst
am Abend so richtig in Schwung zu kommen. Ausserdem wähnte er sich
in guter Gesellschaft, habe doch zum Beispiel Erich Kästner auch
absolut nichts wissen wollen vom morgendlichen Gold im Munde. Dass
Bieri nun seine Gewohnheit so radikal änderte hat seinen Grund:
Er
hält sehr viel vom Lesen. Besonders die tägliche Zufuhr von
Neuigkeiten durch die Zeitung ist ihm ein Bedürfnis, zusammen mit
einer ersten Tasse Kaffee, eine Wonne. Er wollte sich das nicht nehmen
lassen und gerade das wurde
ihm genommen.
Und das kam so:
Bieri holte sich seine Zeitung jeden Tag vor der Haustür
aus einem Fach, das von der Verträgerin mit einer Anzahl
Exemplaren gefüllt wurde. Dort konnte sich jeder Abonnent selbst
bedienen, was vorzüglich klappte. Bis eines Tages kein Blatt mehr
für Bieri im Fach lag.
Als sich das einige Tage wiederholte, beschloss er schweren
Herzens, eine halbe Stunde früher aufzustehen. Es lohnte sich.
Bieri hatte nun wieder seine Lektüre. Doch nach ein paar Tagen war
das Fach erneut leer. Bieri gab nochmals eine halbe Stunde seines
Schlafs her, was von Erfolg gekrönt wurde. Doch es ging wiederum
nur ein paar Tage. Irgendjemand war immer früher auf als er, und
Bieri opferte in der Folge nun Stunde um Stunde seines Morgenschlafs.
Erst als er regelmässig um fünf Uhr früh
aufstand, schien es endlich zu klappen. Es währte nun Monate, in
denen er seine Zeitung vorfand und sich um fünf Uhr schon
orientieren liess über die Neuigkeiten des Tages. Doch auch diese
Verschnaufpause nahm ihr Ende. Nun entschloss sich Bieri zu einer
radikalen Massnahme: Er würde nun um vier Uhr aufstehen und die
Zeitung direkt von der Verträgerin in Empfang nehmen!
Was sich am folgenden Morgen in jenem
Haus abspielte, erzählt Bieri mit schmerzlicher Stimme. Bekleidet
nur mit Pyjama und Pantoffeln habe er sich um vier Uhr zur Tür
hinausgeschlichen. In dem Moment öffneten sich Wohnungstüren
zu seiner Linken, zu seiner Rechten, im unteren und im oberen Stock.
Mitmieter mit nicht mehr Bekleidung, als sie Bieri trug, traten heraus
und strebten der Haustür zu. Bei Bieris Anblick erhöhten sie
die Geschwindigkeit ihrer
Gangart, und als sich Bieri ihnen anschloss, begannen sie zu rennen.
Bieri, angesteckt vom Jagdfieber, rannte mit. Die
Zeitungsverträgerin, die eben in diesem Moment mit ihrem
Bündel um die Ecke kam, sah sich einer Meute wild rennender
Pyjamas gegenüber. In ihrem Schreck warf sie den
Zeitungsjägern ihre Last entgegen und ergriff die Flucht.
Seit jenem Tag, endet Bieri mit erstickter Stimme, seit jenem
Tag bekommt niemand mehr in diesem Haus eine Zeitung.
Ja und er, Bieri, warum ist er denn trotzdem so früh auf?
Er könnte doch getrost wieder seine Langschläfergewohnheit
aufnehmen?
Bieri schaut mich verständnislos an. Er stehe jeden
Morgen um vier vor der Haustür, man könne ja nie wissen,
vielleicht eines Tages....
Er sei übrigens nicht der
einzige.......
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