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Unüberhörbar war heute das drohende
Geräusch im Innern
der Höhle. Dieses Rumoren und Aechzen der Steine.Auch schien das
Beben der Erde wieder stärker zu werden.
Die Frau klammerte sich an die Gitterstäbe, die den Eingang der
Höhle versperrten und horchte nach hinten.Schon seit einiger Zeit
hatte sich der Einsturz ihres Gefängnisses angekündigt, eines
Gefängnisses, das zugleich ihr schützender Zufluchtsort war.
Lange
schon lebte sie hier allein, abgeschnitten von der Aussenwelt,
eingekerkert, doch in Sicherheit vor den Gefahren, die draussen
lauerten.
Im nahen Wald, der sich schwarz über den Hügel erstreckte,
ahnte sie die wilden Tiere, ortete sie schemenhaft Gewalt und meinte
den Geschmack von Blut zu riechen. Tagelang blickte sie von ihrem
sicheren Ort aus in diese dunkle Landschaft. Stellte sie sich ganz in
die linke Ecke beim Eingang , konnte sie ein kleines Stück Himmel
sehen. Aber nie die
Sonne. Die Sonne kannte sie nicht..Sie wusste, dass es Tag und Nacht
gab,
aber nicht warum. Die Quelle des Tages, des Lichts und der Wärme
kannte
sie nicht. Es war auch nicht wichtig. Alles was sie wollte, war,
hier
in Ruhe leben, geborgen und in Sicherheit in ihrer Höhle, durch
gute
Seelen im nahen Dorf mit dem Nötigsten versorgt.
Es war lange keiner mehr stehengeblieben beim Gitter um mit
ihr zu sprechen. Ein junger Mann, eine Hutte mit dürrem Holz am
Rücken, an ihn musste die Frau manchmal denken.Er hatte zwar
Lügen erzählt, die sie böse werden liessen. Dass da gar
keine Gitterstäbe seien, vor ihrer Höhle. Sie müsse nur
einen Schritt nach vorn tun und schon sei sie draussen. Sie solle jetzt
rauskommen und die Sonne betrachten.
Sie hatte ihn angefaucht und beschimpft, verschwinde !. Wie konnte er
es wagen sie für so dumm zu verkaufen. Rüttelte sie nicht
jeden Tag an den Stäben ihres Gefängnisses und verzweifelte,
weil sie nicht nachgaben ? Wünschte sie sich denn
nichts so sehr, wie die Sonne mit eigenen Augen zu sehen ? Es war
nicht möglich und alle wussten das.
Kinder, die manchmal den Weg zu ihr hinauf fanden, erzählten
auch von der Sonne. In der warmen Zeit waren sie nur leicht bekleidet
und rot an Armen und Beinen. Verbrannt, lachten sie. Also war diese
Sonne
gefährlich und sie war froh um ihre schützende Höhle.
Wieder spürte sie das leichte Beben der Erde und die Steine ihrer
Behausung knirschten bedrohlich. Ein Felsstück löste sich und
kollerte ihr vor die Füsse. Erschreckt presste sie die Fäuste
vor den Mund. Panische Angst stieg in ihr auf. Was, wenn die ganze
Höhle einstürzte ? Wenn sie hier begraben würde unter
all den Steinen? Sie würde erschlagen, ersticken, sterben! Diese
verdammten Gitter ! Sie riss und drückte mit aller Kraft an
den Eisenstäben, weinte und schluchzte, während es draussen
langsam dunkler wurde und sich hinter ihr Stein um Stein von der Wand
löste und zu Boden polterte.
Später hatte sie aufgehört an den Gitterstäben zu
rütteln. Sie wiegte sich am Boden kauernd hin und her und dachte
an den Mann, der Holz gesammelt hatte. Wieso hatte er so grausame Dinge
zu ihr gesagt ? Dass sie nur einen Schritt nach draussen tun
müsse. Sie konnte ja wohl
nicht durch solche Eisenstäbe gehen, jeder der Augen im Kopf hat
muss
dies einsehen. Er sagte auch, dass es noch andere Menschen gäbe,
die
nur darauf warteten dass sie rauskäme und mit ihnen der Sonne
entgegengehe. Sie seien entschlossen, zusammen den Berg zu erklimmen,
doch gehen müsse jeder allein. Na also, jeder allein. Da konnte
sie ebenso gut hier bleiben und allein sein. Was kümmerten sie
diese andern ?
Erneut bebte die Erde unter ihren Füssen und mit einem gewaltigen
Krachen stürzte eine ganze Lawine von Steinen auf sie zu. "Gott,
oh Gott !", keuchte sie, "Ich will nicht sterben ! Lass mich nicht
sterben !" Sie presste sich an die Eisenstäbe, rang mit ihnen,
schlug auf sie ein, biss ins kalte Metall, nass vor Tränen.
"Nur einen Schritt musst du tun", tönte die Stimme in ihrem
Kopf, "Es sind keine Gitter da, einen Schritt nur, tue ihn !"
"Ich kann nicht, ich kann da nicht raus ! Hilft mir denn niemand ?"
Eingeklemmt in der äussersten Ecke der Höhle kauerte die Frau
am Boden und blickte mit Todesangst ins Freie. Sie sah das kleine
Stück Himmel, das in der Dämmerung verblasste und dachte:"Ich
werde nie
die Sonne sehn." Sie wusste, sie würde jetzt, hier , sterben und
alles was sie kannte war diese Höhle. Diese verdammte Höhle!
" Ich werde jetzt da rausgehn !"
Plötzlich wusste sie es. Entschlossen stand sie auf, straffte die
Schultern .Sie wollte nicht sterben. Sie wollte nach draussen und sich
die Haut von der Sonne verbrennen lassen. Sie wollte die Wärme
spüren bis tief ins Herz hinein, den Wind mit ihren
Händen fassen
und das Gras unter ihren nackten Füssen fühlen. Sie
wollte
leben !
Sie warf keinen Blick zurück, als sie aus der Höhle trat,
hörte nur noch das dumpfe Grollen und Rumoren der Felsen,
während sie in den letzten Strahlen der Sonne den Berg hinanstieg.
admin@publiz.ch / 1995
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