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Leichte Beute
![]() Es war an einem regnerischen Nachmittag in einem kleinen Café der Altstadt. In ruhiger Atmosphäre nippten zumeist Frauen an eleganten Kaffee- oder Teetassen. Es waren schlanke, gutgekleidete Frauen, die in Illustrierten blätterten, sich Daten in ihre Agenden notierten oder mit prüfendem Blick in kleine Spiegel ihr Make-up in Ordnung brachten. Direkt exotisch wirkte eine leicht mollige Dame in diesem Raum, die in der Ecke unter einer riesigen Yuca-Palme sass. In zweierlei Hinsicht unterschied sie sich von den andern: Zum einen ass sie mit sichtlichem Behagen eine Riesenportion Vermicelles, zum andern unterhielt sie sich lautstark mit einer Tischnachbarin. Die laute Stimme der munteren Esserin war auf die Dauer nicht zu ignorieren; nach und nach wurden Agenden und Illustrierte zur Seite gelegt, mit unverholenem Interesse zur Yuca-Palme hingelauscht. Kürzlich habe sie sich entschlossen, einen Selbstverteidigungskurs zu besuchen, erklärte die Dame. Sie sei überrascht gewesen, wieviel sie da gelernt habe. Mit völlig neuem Selbstvertrauen sei sie durch die Strassen gegangen, immer bereit, das Gelernte anzuwenden, sollte ihr jemand zu nahe treten wollen. Die Frauen im Kurs hätten die Abwehrtechniken erst nur unter sich geübt, dann aber habe die Instruktorin einige Männer eingeladen, deren Aufgabe es war, die Kursabsolventinnen auf alle möglichen Arten zu attackieren und so für realistische Trainingsbedingungen zu sorgen. Die Frauen hätten dann aber ihrerseits zugepackt, erzählte die Café-Rednerin weiter, es sei faszinierend gewesen, sich spielend aus dem Würgegriff starker Männerhände zu befreien. Ein echtes Erfolgserlebnis. Was ihr aber einen Dämpfer gegeben habe, seien die Angriffe der Männer von hinten gewesen. Man sei einfach in die Luft gehoben worden, habe hilflos herumgezappelt, und keine Entwindungstaktik habe etwas genützt. Wehrlos in der Luft baumelnd, sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen: Das frauliche Schönheitsideal ist nichts anderes als männliche Taktik. Schlank und leicht, zum Davontragen leicht sollten Frauen sein. Weil Behäbiges, was mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, nicht einfach zur Seite geschoben und zu Boden gedrückt werden kann. Deshalb sei es wichtig für die Männer, dass Frau schlank und rank bleibe. Und wie ihr das klargeworden sei, so die Quintessenz der Geschichte, sei sie sofort von ihrer Diät runter und esse seit da nach Herzenslust. Auf dem Weg zur Standhaftigkeit wolle sie nie mehr eine leichte Beute sein. Waren auch die meisten Zuhörerinnen von dieser Absichtserklärung eher irritiert als begeistert, so hat der Wirt des Cafés doch noch nie so viele Kuchen, Törtlein und Nussgipfel verkauft wie an jenem Nachmittag. admin@publiz.ch |