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Ein Kinderbuch? Bei weitem nicht..... Klaus Schädelins Eugen ist und bleibt das humorvollste Buch, dass je über einen Berner Knaben geschrieben wurde. Beim Lesen passiert das, was bei allen wirklich guten Büchern geschieht: Man möchte hingehen nach Bern, und zusammen mit Eugen kämpfen gegen all die Ungerechtigkeiten, die ihm von verständnislosen Erwachsenen angetan werden... |
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"Mein Name ist Eugen. Das sagt genug, denn eine solche Jugend ist schwer. Im nächsten Juli bin ich dreizehn Jahre alt, und der Eduard behauptet, das sei ein Geburtsfehler, der sich leider nur langsam korrigiere. Am nächsten Neujahr in acht Tagen wird er vierzehn, und das sei doch ein ganz anderes Gefühl." aus: Klaus Schädelin: Mein Name ist Eugen. 25. Auflage 2002, Theologischer Verlag Zürich, S. 83-87; 128-131 (ISBN 3-290-11470-8). |
| Im Sommerlager mit den Pfadfindern ......Man delegierte uns an diesem Tag leider zum Graben einer Abfallgrube. Zwei Stunden schufteten wir unter der Sonne des Tessin. Dann kamen wir auf Grundwasser und fanden, es sei nun genug. Aber der Führer inspizierte die Sache, sagte, das Grundwasser sei ideal, denn eine Abfallgrube mit Wasserspülung hätten wir noch nie besessen, und wir sollen die Badehose anziehen und noch einen Meter tiefer schaufeln. Wir protestierten: wir seien schliesslich keine Tiefseetaucher, aber der Führer munterte uns auf, wir sollten es doch der Hyschiene zuliebe tun. Hyschiene? – Was war nun wieder das? Der Bätscheli meinte, das sei wohl das Fremdwort für Abfälle. Aber der Wrigley sagte, wir seien Anfänger: Nun habe sich nämlich der Führer verraten. Ja, was es denn sei? Da ging Wrigley mit uns ins Gebüsch, liess uns schwören, nichts zu verraten und vertraute uns feierlich an, er wisse zufällig seit einiger Zeit, dass der Führer in Bern einen Schatz, ein Mädchen besitze. Eine Blonde! Bis jetzt habe er nur noch nicht herausgefunden, wie sie heisse, aber nun habe der Führer sich verplappert: Hyschiene sei ihr Name! Das klinge freilich so blöd, wie das Mädchen aussähe. Uns war die Sache trotzdem nicht ganz klar. Weshalb wir dieser Hyschiene zuliebe die Abfallgrube tiefer machen sollten? Der Wrigley erwiderte darauf, da sehe man, dass wir in dieser Materie keine Kenner seien. Das sei doch sonnenklar: Ganz sicher sei in den nächsten Tagen der Besuch dieses Mädchens zu erwarten, und der Führer werde sie dann stolz im Lager herumführen und mit allem plagieren, und wenn sie dann zur Abfallgrube kommen, werde er stolz eine Stange hinunterstecken, um ihr zu zeigen, wie tief sie sei. Alle solchen Menschen pflegen aufzuschneiden, wenn Mädchen in der Nähe seien. Nach solchen Ausführungen war es ganz klar, dass wir an unsere Arbeit zurückkehrten. Wir schufteten wie nie zuvor, und keiner gab vor dem andern zu, dass es wirklich der Hyschiene zuliebe geschah. Während wir in Wasser und Kot hinuntertauchten, dachten wir an das blonde Haar, und wie sie dann oben am Rande stehen werde und dann frägt sie: Wer hat diese Grube so tief gemacht, und dann treten wir hervor, und sie sieht uns an. So dachten wir und gruben und gruben, bis es Abend wurde und der Führer uns fragen kam, ob wir eigentlich von allen guten Geistern verlassen seien: Er habe uns nicht befohlen, nach Erdöl zu bohren, und wir sollten uns gefälligst waschen gehen. Von einem Wort des Dankes – oder von der Hyschiene war nicht die Rede. So sind die Verliebten. Wir vier, nein, wir drei, wuschen uns, denn der Bätscheli hatte uns schon vor Stunden im Stich gelassen mit der Bemerkung, es sei nicht gesund, solang im Wasser zu stehen, das gebe Krampfadern und ein frühzeitiges Ende........... Die Abfallgrube war also sehr tief und hatte ihre Folgen. Fast jeden zweiten Tag gab es nämlich in Tenero ein Hauptverlesen und das ist etwas Furchtbares: Wenn im Koffer oder Rucksack auch nur die geringste Sauordnung herrscht, pflegt der Führer die fehlbaren Gegenstände in die Abfallgrube zu werfen. Das war von alters her der Brauch, und von dem wich man auch hier in Tenero nicht ab, trotzdem die Abfallgrube Grundwasser hatte und die Folgen des Hauptverlesens weit tragischer waren als sonst. Zweimal passierte es im Lager, dass ein Köfferchen in diese Grube fuhr. Das erstemal flog Guggers seins, weil sich Schweisssocken in seiner Gamelle fanden, die am Grund des Koffers auf einer Tafel geschmolzenen Schokolade lag; und der Wrigley sagte, die Strafe sei zwar hart, aber gerecht, der der Gugger sei eine Kreuzung zwischen einem Schwein und noch einem Schwein, und er wisse wirklich nicht, was Ordnung sei, und Ordnung müsse in einem Lager nun einmal sein, und darum habe er einen schwerwiegenden Denkzettel wohl verdient. Wir sahen schweigend zu, als der Gugger das Köfferchen aus dem Grundwasser herauszog: Alles war an einer braunen Sauce, und der Wrigley bemerkte wie ein blöder Onkel: <So, Guggerlein, zum wenigsten ist Dein Zeug jetzt einmal gewaschen.> Zwei Tage später war Fähnlein-Hauptverlesen. Der Tutti untersuchte alles ganz genau, und es stellte sich heraus, dass in Wrigley Köfferchen nicht nur alles durcheinander war, sondern die Würmer, die er für seine Privatfischerei gesammelt, und in ein Taschentuch gebunden hatte, waren innerhalb des Koffers auf Reisen gegangen, so dass der Tutti sagte, das sei schon das Maximum: Der Wrigley habe diesen Koffer so lange nicht aufgeräumt, dass er Würmer bekommen habe vor lauter Fäulnis, und schon flog er in hohem Bogen in die Abfallgrube..... |
| Auf der Velotour über
den Gotthard Sie sichteten ein Haus, an welchem geschrieben stand: Gotthardhospiz Und sogleich wusste der Wrigley was darüber zu erzählen: In diesem Haus wohnen lauter steinalte Mönche mit meterlangen Bärten. Die liegen in Betten aus Granit und trinken nur Gletschermilch. Sie seien sehr barmherzig. Den ganzen Tag beteten sie für die armen Seelen im Flachland und sie haben ein Gelübde abgelegt, dass nie eine Frau das Kloster betrete. Es wäre doch interessant, das heilige Haus einmal zu besichtigen, und da wir keine Mädchen seien, stehe dem Plan nichts im Wege. So stellten wir denn unsere Velos an die Wand, und es war uns sehr feierlich ums Herz, als wir die Türe öffneten und eintraten. Im Inneren kam es uns freilich merkwürdig vor: An der Wand hing ein Plakat, und wie ich im ersten Augenblick meinte, das sei ein schöner Spruch, sah ich mich im zweiten Augenblick getäuscht, denn es stand zu lesen: <Campari Bitter, der Freund Ihres Magens> An der andern Wand aber hiess es: <Bier, Weltmeister im Durstlöschen> Ganz genau so wie diese Klosterzelle waren bei uns daheim die Wirtshäuser möbliert, und nicht lange währte es, da kam ein Fräulein herein, das aufs Haar einer Serviertochter glich. Wir sperrten Mund und Nase auf und dachten an das Gelübde der Mönche. Der Wrigley stellte sich empört vor die junge Dame hin und fragte, was sie da mache? "Servieren natürlich!" "Aber wissen Sie denn nicht, dass das hier strengstens verboten ist?“ "Was verboten?“ "Ja, Fräulein, ich gebe Ihnen den guten Rat, hier schleunigst zu verschwinden, ehe Sie die Mönche erwischen.“ Da lief unser Gegenüber rot an und bebte vor Zorn, als hätten wir sie gröblichst beleidigt. Sie liess uns wortlos stehen und kehrte mit einem Mann in grüner Schürze zurück, der uns, ehe wir gax sagen konnten, vor die Türe warf. So standen wir denn ratlos an der kalten Luft und schauten den Wrigley an, der uns jetzt eine Erklärung schuldig war. Der schwieg zuerst, um auf unser Drängen hin empört herauszuplatzen, seiner Ansicht nach sei die ganze Sache ein grossangelegter Schwindel. Wir hätten uns die Köpfe vielleicht noch lange zerbrochen, aber jetzt, da eine Abfahrt in Sicht war, bekamen wir es handkehrum mit der Zukunft zu tun. Der Eduard wollte aufsitzen, aber der Wrigley hielt ihn auf, denn wieder war eine seiner Reden im Anzug. Dieser Mensch war auf dem Gotthard sehr in seinem Element. Er nahm seine Mütze vom Kopf, blickte gegen den Himmel auf und sagte uns, wir sollten uns bewusst sein, dass wir hier auf historischem Boden stehen: Hier an dieser Stelle habe vor Jahren der Kübler(schweizer Radrennfahrer) den Bergpreis gewonnen, und dann habe er während der ganzen Abfahrt keine einziges mal gebremst. Darüber kam es zu Auseinandersetzungen, weil der Eduard ein Gegner des Kübler und ein Freund des Koblet und des Clerici war. Er sagte, mit dem Kübler solle man ihm gar nicht kommen, habe doch dieser Rennfahrer so wenig im Kopf, dass er in der Konfirmation zweimal durchgefallen sei. Das aber war die bare Verleumdung, weiss doch jedes Kind, wie hell auf der Platte unser Kübler ist, und ich entgegnete, niemand fahre so sehr mit seinem Kopf , wie unser Ferdinand. Der Eduard überbrüllte mich mit der Behauptung, ohne zu bremsen sei noch kein Sterblicher die Gotthardnordseite hinuntergefahren, am wenigsten der Ferdi Kübler. Da fühlte sich der Wrigley persönlich beleidigt: Ob das möglich sei, wolle er ihm nun gleich beweisen, und fort war er, Kopf zwischen Lenker, in grossem Stil, wie er das nannte. Zehn Minuten später fanden wir ihn dort, wo der Tessin endgültig aufgehört hat und der Uristier an den Felsen gemalt ist, im Strassengraben: Mit dem Taschentuch hatte er sich einen Kopfverband gemacht. Er stöhnte ein wenig, sagte aber stolz: das sei nun einmal Rennfahrerschicksal, und bis zu seiner Karambolasche habe sich ja keiner von uns an sein Hinterrad heften können. Das Feld habe er glatt stehengelassen, denn keiner von uns habe den Mumm aufgebracht, wie er, und als es sich erwies, dass beim Sturz die Krone seiner Uhr abgebrochen war, da nannte er das Ganze ein Rennen gegen die Uhr, und überhaupt, bis Flüelen spielten wir die Tour de Suisse. Der Wrigley fuhr zwar nicht eben schnell, aber seine Fachausdrücke waren tadellos: In einem fort musst er einen andern Gang einlegen, noch einen oder zwei Zähne mehr, wie er das nannte, und dabei hatte er ans seinem Velo Rücktritt. Immer murmelte er von Führungsarbeit oder "preschte“ am Bätscheli vorbei, der jetzt Louis Bobet hiess; oder er lobte seien heftigen Antritt oder seine Härte am Berg, und hinter Flüelen waren wir längst zu seinen Domesticken herabgesunken und mussten ihm Wasser tragen und Schläuche wechseln, ihn wieder in die Kopfgruppe führen oder einen Spurt anreissen, und wir bangten erschöpft um die weitere Zukunft, als wir in Brunnen einen Wegweiser sichteten. Auf dem einen stand: Zürich. Bei diesem Wort fiel dem Wrigley der Fritzli Bühler ein. Das war eine sagenhafte Gestalt aus längst vergangenen Zeiten. Aber noch heute lebt sein Name unter uns, und jedermann wusste, dass er der Freund des Hofmann gewesen war, jenes Hofmanns, der im Familienbad jedes beliebige Paar Schuhe für zwanzig Rappen ins Wasser warf. Der Bühler war jener Knabe gewesen, von dem der Lehrer in jüngeren Tagen gesagt hatte: “ Bühler, Du bist zwar vieles, bloss eins bist Du nicht: Nachahmenswert.“ Der Fritzli Bühler war derjenige, welcher in der Schule kein einziges Mal sitzen blieb, bloss aus dem Grund, weil der Klassenlehrer der unteren Klasse sagte, wenn der Bühler zu ihm herunterfliege, lasse er sich pensionieren. ..... aus: Klaus Schädelin: Mein Name ist Eugen. 25. Auflage 2002, Theologischer Verlag Zürich, S. 83-87; 128-131 (ISBN 3-290-11470-8). *Mit der freundlichen Bewilligung des Verlags |