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Ausbruch


Viele träumen davon - aber wer macht es denn schon wahr: 
Als Karriere-Mensch mal (auf Urlaubsdauer) alles hinzuschmeißen und sich treiben zu lassen?




 AUSBRUCH



          


Na ja - so ganz unberechtigt war die Reaktion meiner Frau ja vielleicht auch gar nicht: Wir hatten, wie üblich, unseren Jahresurlaub gebucht gehabt, so richtig konventionell mit Jet und feinem Hotel und Strandpromenade. Und dann war meiner Frau ein beruflicher Termin dazwischengekommen.
Und jetzt kam sie gerade dazu, als ich auf dem Wohnzimmer-Fußboden den spontan gekauften Outdoor-Schlafsack aus dem nahen Bundeswehr-Laden ausprobierte. Immerhin - erklären durfte ich noch: Mein Urlaub nicht verschiebbar; mir schlagartig bewusst geworden, wie diktiert mein Leben in allen Bereichen von Terminen, Notwendigkeiten, Zwängen; ...uuund wie allgewaltig die Bereitschaft war, mich mal so richtig treiben zu lassen - im Solo-Urlaub mit dem Motorrad und kleinstem Gepäck und besagtem Schlafsack gen Südfrankreich.
"Duuuuu?!?!?" - allein für die Art, wie meine Frau dieses harmlose Wort auf Satzlänge zog, hätte ich sie erwürgen mögen. "Ausgerechnet du mit deinen 35 Jahren willst noch Easy Rider spielen?"
Zugegeben, für mich als schlipstragenden  Büro-Menschen war es schon starker Tobak, was ich da vorhatte. Und was genau es werden würde, wusste ich auch noch nicht. Ich hatte weder Routenvorstellung noch ein festgelegtes Ziel. Nur weg jetzt, raus aus diesem Einerlei erstickender Konventionen! Und damit war es mir bitter bitter ­ernst.
Das hat meine Frau dann doch erkannt, und einträchtig haben wir mein knappes Gepäck zusammengestellt.
Das Hochgefühl am nächsten Tag hielt sich in Grenzen: Aus dem Nieselregen über der Norddeutschen T(r)iefebene wurde mit jedem Autobahnkilometer nach Südwesten handfester Landregen, und am Nachmittag in Brüssel hatte ich die Nase erst einmal voll. Der erste Abstrich von meinen Vorstellungen absoluter Freiheit war fällig: Zu einer Schlafsack-Übernachtung  im Freien konnte ich mich nicht durchringen, ein "richtiges" Hotel kam ebensowenig in Frage. Ich entschied mich erst einmal für ein einfaches Gasthaus am Stadtrand, das ich nun finden wollte.
Und da hatte ich dann plötzlich doch den Anfang des ersehnten Leitfadens in eine "andere", freiere Welt: Der Polizist, den ich in einem Vorort nach einem solchen Gasthaus fragte, entpuppte sich als passionierter Motorrad-Fan;  er bestaunte meine Moto Guzzi-California, begann eine Fachsimpelei und befand schließlich, dass wir die wohl besser im Trockenen bei ihm zu Haus fortsetzen sollten. Und so kam ich zu einem netten Abend mit ihm und seiner Frau und zu einem kuscheligen Bett - bis zur verregneten Morgendämmerung. Der freundliche Polizist musste um sechs Uhr im Dienst sein, und so war ich früh um fünf schon wieder auf der Piste.
Kurz hinter der französischen Grenze passierte es: Ein hochgeschleuderter Stein zerschlug mir die hohe Plexiglas-Windschutzscheibe. Pitschnass kam ich gegen acht in Paris an, und meine ohnehin gedämpfte Stimmung sank auf absolut Null, als mir in der einzigen Fachwerkstatt für meine Motorradmarke der Preis für die unumgängliche neue Scheibe genannt wurde. Jetzt reichte es mir wirklich! Die Umkehr, der Abbruch der Reise in die große Freiheit der besonnten Straßen im Süden, wurde zur beschlossenen Sache.
Zu deren Feier mit einer trockenen Zigarette und einem schwarzen Kaffee steuerte ich ein Bistro an. Ein bisschen wehmütig ließ ich noch meinen Abschiedsblick schweifen: An einem Tisch saßen fröhlich lärmend ein paar ältere Leute, an einem anderen untermalte eine fast zahnlose Frau eine Diskussion mit vehementer Gestik. Der Kellner schlurfte lässig mit einer "toten" Zigarette im Mundwinkel über den kippenübersäten Kneipenboden.
Und ich ertappte mich bei feuchten Augen, einem Lächeln und dem Gedanken: Voila - du bist ja in Paris!

 

Ich übertönte die Beschämung über meinen Kleinmut wegen des bisschen Regens mit der Bestellung einer weiteren Tasse Kaffee, rauchte noch eine Zigarette und stieg beschwingt wieder in den Sattel, um der Stadt nun meine Aufwartung zu machen.
Ein bestimmtes Ziel hatte ich ja nicht, und so ließ ich mich nach schneller Gewöhnung an den unglaublich dichten Verkehr und den Pariser Fahrstil zunehmend genüsslich treiben. Wann immer ich dabei die Seine überquerte, prüfte ich die Brücke beiläufig auf ihre Eignung als Dach für die nächste Nacht.
Diesen Zahn zog mir allerdings Jean-Pierre, der mich bei einer Pause in einem Gehweg-­Cafe vom Nebentisch her auf mein Motorrad ansprach: Für mich sei eine Nacht unter den Brücken absolut ungefährlich - aber am nächsten Morgen müsste ich wohl zu Fuß gehen, zur Polizei, um den Diebstahl meiner Maschine zu melden. Also: doch Hotel.
Jean­Pierre hatte Zeit und fuhr mir auf der Suche voran. Außer einer schweißtretenden Lektion im Motorradfahren auf Pariser Art kam jedoch für mich nichts heraus: Alles war "complet" - Ferienzeit. Ein Freund von Jean-Pierre, den wir bei einer Such-Pause im Cafe trafen, hatte die rettende Idee:
Im Vorort Evry gebe es ein neues Jugendhotel, gut und billig, der Weg sei nicht zu verfehlen, immer nur die Nationalstraße 20 lang. Recht hatte er: Es gab freie Zimmer, und die Übernachtung kostete gerade mal 116 Francs inklusive Frühstück - und was für einem, Buffet vom Allerfeinsten!
Gut gestärkt (komisch - sonst frühstücke ich höchstens eine Zigarette!) gönnte ich mir  einen  zweiten Paris-Tag und verließ die Stadt am späten Nachmittag mit einer Träne im Auspuff.


Südlich von Orleans kroch ich zum erstenmal in meinen Schlafsack.
Und jetzt war es da, das Hochgefühl der Straßen-Freiheit! Leicht schlängelte sich das Asphaltband durch weitläufige Laubwald-Hügel, und als ich um die Mittagszeit diesem Gefühl auf Nebenwegen bei Parnac die Krone aufsetzte, stieß ich auf ein abgelegenes Gasthaus. Der Rotwein zum besten Entrecôte meines Lebens ließ eine Weiterfahrt nicht mehr zu, und beim Verdauungsspaziergang schlief ich auf einer nahen Waldlichtung sanft und selig ein. Keine Frage: Dies war mein Platz fürdie nächste Nacht.
Die Wirtsleute - sie hatten ein Restaurant, keine Zimmer - freuten sich über mich als einzigen Gast und zauberten mir zum Abendessen ein flambiertes Gedicht aus Kalbsnieren in Zwiebelsauce, und zum Dessert gewährten sie mir eine Dusche in ihrem Haus. Ich lag noch lange wach im Schlafsack auf meiner Lichtung.
Der stille Wald schien zu atmen. Ein leichter Wind bewegte das Laub, und unsichtbare Tiere knisterten im Unterholz. Undefinierbare Laute von fern gingen über mich weg, ein Vogel in der Nähe flatterte aufgeschreckt auf - es war eine gleichermaßen anspannende und beruhigende Geräuschkulisse für einen Stadtmenschen wie mich.
Was hatte meine Frau noch zu mir gesagt? Du spinnst!?
Ich bin sicher: Ich habe gegrinst bei diesem Gedanken im Einschlafen.

Châteauroux, Limoges, Câlus...
Die Sonne stand schon tief über dem Limousin, als sich der Magen meldete. Die Bedenken waren schnell beiseite gewischt: Die Für-alle-Fälle-Angelschnur ohne Rute in einem Teich nahe der Straße ausgeworfen - wenn einer beißt, hat es sein sollen / dürfen.
Ein schmächtiger Jungbarsch gab die Antwort und mein recht karges Abendessen.
Mit noch knurrendem Magen hatte ich gerade den Schlafsack ausgerollt, da wurde ich in ernstem Tonfall von hinten angesprochen. Eine junge Frau, so Mitte Zwanzig, wedelte den Zeigefinger.

Erst dachte ich schuldbewusst an meinen Teichfrevel, aber beim Wort "serpents" klingelte etwas bei mir, und meine Nachfrage auf Englisch brachte Klarheit: Die Frau machte mir keine Vorwürfe wegen der Wildangelei, sondern warnte mich vor den zum Teil giftigen Schlangen in der Umgebung.
Sie könne mir zwar kein richtiges Bett anbieten, in der Scheune beim Wirtschaftsgebäude aber, da sei ein trockener und vor allem: ein schlangenfreier Platz für mein 'Moto' und mich! Erfreut folgte ich ihr zu der angebotenen Schlafstatt.
Auf dem Weg dahin stellte sie mir ihren Großvater vor, der in einer weiteren kleinen Hütte in einer riesigen Pfanne etwas über offenem Feuer brutzelte. Ungemein herzlich begrüßte er mich in einer sehr harten Aussprache. Sein 'r' rollte mehr als bei ihr. Ich verstand kein Wort davon und beschränkte mich auf ein freundliches "Bonjour, Monsieur!" beim kräftigen Händeschütteln.
"You must be very hungry, hm?" fragte Françoise, seine Enkelin, mit verschmitztem Augenzwinkern. Da muss ich wohl puterrot angelaufen sein. Verlegen gab ich es zu.
Nach dem folgenden französischen Wortwechsel zwischen den beiden schoss der Alte auf mich zu, schob mich in die kleine Bank am Tisch und setzte mir, ebenfalls zwinkernd, Wasserglas und Teller vor. Mit Schwung füllte er zwei Gläser mit Ricard und Wasser, und wir stießen an.
Begleitet von einem lauten Wortschwall wandte er sich wieder seiner Pfanne zu, um mir gleich darauf einen Teller mit einem aromatisch duftenden Pilz-/Rühreigemisch (es waren mehr Pilze als Ei!) reichhaltig zu füllen. In Windeseile war das Wasserglas randvoll mit Rotwein gefüllt und das Pilzgericht mit einer gut daumendicken Brotscheibe ergänzt. Völlig passiv und freudig-verdattert verfolgte ich das stürmische Spektakel nicht ohne schwere Selbstvorwürfe wegen meiner ungefragten Selbstbedienung vorher am Weiher.
"Bon appetit!" nickte mir der freundliche Großvater aufmunternd zu und hob sein Glas.
Während der äußerst wohlschmeckenden Mahlzeit erzählte mir mein liebenswürdiger Gastgeber offensichtlich aus seinem langen Leben, ich verstand mehrmals: ,la guerre'.
Immer wieder zwischendurch schenkte er von dem trockenen Landwein nach.
Es wurde ein langer, gemütlicher Abend. Proportional zur steigenden Alkoholisierung nahm die Verständigung zu. Schließlich beendeten wir das zünftige Mahl mit einem Calvados, den der - inzwischen auch leicht schwankende - Alte uns aus einer schlanken Flasche einschenkte. Einer militärischen Zeremonie  nicht  unähnlich, stand er mit seinem Glas aufrecht vor mir. Ich nahm auch eine gerade Haltung an und antwortete so seinem feierlichen Ernst.  Auf  sein  markiges “Salut!" tranken wir zusammen. Unser ganz persönlicher Anteil an versöhnlicher Völker-freundschaft? Lange nach Mitternacht schlief ich zwischen Traktor und Gerümpelecke in der Scheune ein.

Pastis

Der nächste Morgen brachte mir die Möglichkeit zu einer kleinen Revanche. Auf meine diskrete Frage gab mir Françoise den Tipp, dass ihr Großvater sicher sehr gerne auf meinem Motorrad mitfahren würde; er hätte schon viel von seiner früheren Maschine gesprochen. Offenkundig beglückt, nahm der alte Herr meine Einladung auch hurtig an und krabbelte, einen viel zu großen Feuerwehr­Helm auf dem Kopf, begeistert auf den Soziussitz.
Wir fuhren langsam über kleine Straßen durch das weite Teichgebiet und hielten am Gastaus im nahen Dournazac. Dort tranken wir in Gesellschaft seiner Nachbarn (ein tolles Hallo!) unseren Pastis. Wieder zurück auf dem Hof, galt es Abschied zu nehmen. Mit ehrlicher Traurigkeit drückte ich alle von der reizenden Fischteich-Familie und fuhr weiter.
Die alle 500 km fällige Ölstands-Kontrolle  kündigte Nachfüllbedarf an. Der dafür notwendige Schlauch - ich lieh ihn mir an der kleinen Dorftankstelle - war jedoch offensichtlich verstopft, das Öl drang nur tröpfchenweise hindurch. Mit hilfloser Gestik sprach ich den Tankwart darauf an. Fachkundig probierte er sein Glück - mit dem gleichen Erfolg. Jeden einzelnen Tropfen aber kommentierte er mit einem befriedigenden ,“Aha!!!"
Geduldig beobachteten wir gemeinsam das faszinierende Spiel der Schwerkraft. Unsere Situation entbehrte wahrlich nicht der Komik. Schelmisch erklärte mir der Tankwart mit übertrieben wichtigem Ton:
„C'est la passion française!" Ebenso lächelnd überreichte er mir (gut 15 Minuten später!) eine Rechnung auf einem abgerissenen, kleinen Zettel: 1/2 ltr. oil + „15 min. service". Wir lachten beide, als ich vollständig bezahlte. Oui, dies Land ist ,errliiisch! Der so charmant Geneppte fuhr lachend weiter.
Mittag in Bordeaux: Aperitif, Entré (gebratene Puterherzen auf Salat), ein phantastisch ge­knoblauchter Rindfleisch-Spieß, Wein (natürlich: Bordeaux de Bordeaux!) und Dessert (fromage blanc). Ich hatte das richtige kleine Restaurant ausgesucht!
Bordeaux, die zweite französische Großstadt auf meiner Tour, bot den gleichen Chic der Damenmode auf der Straße wie Paris. Viel Lack und Leder in den verschiedensten Farben war ‘in' zur Zeit. Das sah man in den eleganten Geschäftsauslagen und in den Cafes.
Die Atlantikküste sei grundsätzlich in Touristen-Hand - das hatte ich schon vorher gehört.
Dennoch leistete ich mir kurze Abstecher zu den bekannten Badeorten Lacanau und Arcachon.

Meine Tagestour galt dann jedoch mehr der Fahrt durch die grünen Niederungen der westlichen Gascogne.
L'Oasis - das verschnörkelte Schild der Schenke an der Dorfstraße von Pissos zog mich magisch an. Wer sagt denn, dass ich heute wieder im Freien schlafen müsse? Bei einem gemeinsamen Ricard erfuhr ich von dem Wirt, dass ich der einzige Gast in seinem winzigen Vier-Zimmer-Hotel sein würde. So etwas verpflichtet - ich blieb! Von seinem Lohn als ehemaliger Afrika-Söldner hatte sich der Wirt diese Herberge und eine kleine Taxistation (er war der einzige Fahrer!) zugelegt. Seine Schwester war zuständig für Küchen- und Zimmerdienste. Nach dem mildgewürzten Abendessen (in Olivenöl gebratener Seelachs) bei trockenem Weißwein verabschiedete ich mich früh mit einer weiteren Karaffe ganz schweren Rotweines (seine Empfehlung, “pour nuit!") in mein Zimmer.

van gogh 

„Wenn du nach Bayonne kommst, dann musst du unbedingt den berühmten Schinken dort essen! Nun, dieser Ermahnung meiner Frau hätte es bestimmt nicht erst bedurft. Obwohl ich sicher sein musste, dass das Schwein meiner Schinkenportion höchstwahrscheinlich nie eine Eichel zu sehen, geschweige denn zu fressen bekommen hatte, war ich doch entzückt von dem leichten und würzigen Geschmack!
Es drängte mich weiter nach Biarritz, dem weltberühmten Atlantik-Badeort, von dem meine Eltern in den 50er Jahren so schwärmten. Mein Eindruck von dem geöffneten Strand war jedoch weniger enthusiastisch.
Statt mich in das quirlige Strandleben zu stürzen, ging ich für eine Erfrischung - es herrschten 31° gleich in das Strandcafe.
Meine Frage an den Garçon, wo ich das Motorrad sicher abstellen könne - der riesige Parkplatz erschien mir wenig vertrauenswürdig - brachte mir eine wichtige Information: Der Besitzer des Strandgrundstückes von nebenan sei für ein paar Tage verreist. Dort, am Bungalow, wäre das Motorrad bestimmt sicher. Vom Privatstrand aus könne man es immer sehen!
Super-exklusiv lag ich also wenig später allein am völlig ruhigen Strandstück und lachte über die Ironie der Gegensätze: Ganz einfach und urwüchsig wollte ich meinen Urlaub gestalten - und jetzt genoss ich die Atlantiksonne wie ein Millionär!
Schon zwei Stunden unter wolkenfreiem Himmel ohne Sonnenschutz reichten hier für das typische Brennen, mit dem sich überstrapazierte Haut protestierend meldet. Noch lange danach sollte es mich beim Fahren an dieses, allzu elitäre, Strandvergnügen erinnern.
Die breite Hauptverkehrsstraße bewusst außer acht lassend, kurvte ich also (in betont gerader Haltung, der Bauch ‘knisterte’) auf einem schmalen Landwirtschaftsweg in die Pyrenäen. Speziell für Motorradfahrer zeigte sich diese Bergroute voller gefährlicher  Ü berraschungen. Üblicherweise werden hier auch Tierherden über die Serpentinen getrieben. Unvermeidliche Kothaufen können dabei, besonders in den engen Schleifen, für unfreiwillige Rutschpartien sorgen ...
Eine ungewöhnlich hohe Vegetationsgrenze in den Pyrenäen bot nahezu überall attraktive Schlafplätze für mich. An einem schnell fließenden Bach ließ ich mich für die Nacht nieder.
Noch vor dem Frühstück am nächsten Morgen interessierten sich zwei streng wirkende Polizisten für mein Nachtlager. Ihr barsches: „Votre légitimation, s'il vous plaît!“ leitete eine ausführliche Personen- und Gepäcküberprüfung ein (ich musste alles auspacken!), die meiner ‘Landstreicherei’ galt. Doch die zuerst so offiziell agierenden Beamten wurden bei meiner sich erweisenden Harmlosigkeit zusehends freundlicher, und sie erlaubten mir schließlich noch ein gemeinsames Erinnerungsfoto per Selbstauslöser.
Entlang steiler Felsschluchten und lieblicher Waldkuppen zog sich dann meine Strecke bis Lourdes. Wenn ich auf meinem Weg bisher dem stärksten Touristen-Rummel auch immer gut ausweichen konnte - hier war ich mittendrin! Den ‘wundersam’ angestiegenen Ü bernachtungspreisen in spartanischen Fremdenzimmern, umgeben von kitschigen Plastik-Souvenirs überall, wollte ich mich nicht aussetzen. Ich fuhr also weiter über die Garonne bis in das Ariege.
Wenn schon in der Nähe, dann wollte ich den Kleinstaat Andorra auf keinen Fall unbesucht lassen. Beim Aufstieg spuckte der Motor ausgiebig und stotterte gerade noch bis vor ein kleines Hotel in Port d’Envalira.
Eine Gruppe von norwegischen Motorradfahrern kam sofort dazu und bot mir Hilfe an. "Probably:  ignition!« meinte einer von ihnen und wickelte schon die Werkzeugtasche aus. Ehe ich noch den Defekt überhaupt ausführlich beschreiben konnte, war der kleine Marktplatz kurzerhand zur Werkstatt umfunktioniert. Tatsächlich stellte sich die völlig verstellte Zündung als primäre Ursache heraus, die dann mit vereinten Kräften und der wortreichen Unterstützung durch freundliche Anwohner und Passanten von den jungen Norwegern reguliert wurde. Danach verschafften wir dann auch dem unbefriedigten Sauerstoffbedarf des Vergasers noch Geltung und stellten dessen Düsen für die aktuelle Gebirgshöhe nach.
Spätestens beim Bezahlen unseres Kaffee- und Kuchenverzehrs - meinem kleinen Dankeschön für die technische Hilfe - konnte ich eine Besonderheit des Landes erleben: unvergleichlich niedrige Preise! Es gibt keine Steuern in Andorra, und dementsprechend günstig sind alle Waren und Dienstleistungen.
Für acht weitere Tage genoss ich das himmlische Preis-Paradies, deckte mich mit sinnvollen Ersatzteilen für das Motorrad ein und schwelgte in der interessanten Küchenmischung von Frankreich und Spanien. Mit echter Begeisterung bekochte  mich meine Hotel-Madame, eine reizende, uralte Frau mit ständig irgendwelchen Gewürz- oder Gemüsepflanzen in der großen Schürzentasche, in Vollpension für nur 50 Francs (15 Mark...!) pro Tag! Diese ausgesprochene ,Zeit des Müßigganges’ brachte ich mit Bergwanderungen und Motorrad-Exkursionen in die ursprüngliche Bergnatur zu. Der Abschied fiel mir sehr schwer.
Am Mittelmeer bei Perpignan.... Regen! Überall beteuerte man mir, dass es der erste Regen in diesem Sommer sei! Langsam fuhr ich im Regenanzug auf der Küstenstraße. In Montpellier traf ich einen einheimischen Motorradfahrer auf seiner alten, klapprigen BMW. Rückspiegel, Bremslicht und Schutzbleche fehlten, die Verbrennungsgase knallten schon vor dem Schalldämpfer durch große Rosflöchen "Sie ist eben sehr alt!“ erklärte der Fahrer entschuldigend und lud mich mit größter Selbstverständlichkeit zum Bleiben in seinem Appartement ein, „bis die Sonne wieder scheint!“
Bei unserem typisch südfranzösischen Frühstück am nächsten Morgen schien die Sonne wieder regionsgemäß, und ich konnte meine Fahrt in die Camargue fortsetzen.
Das als Zigeuner-Wallfahrtsort bekannte Saintes-Maries-de-la-Mer stellte sich als kommerzorientierter  Mittelmeerbadeort mit Einkaufsstraßen, Discotheken und Hotels vor. Meine Übernachtung zwischen Stierweiden und Feuchtwiesen im Freien brachte mir das höchst unangenehme  Erleben  von Massenangriffen blutrünstiger Mücken. Wenn  die  Stich-Schwellungen auch bis zu Hause hielten (und höllisch juckten) - den längst entdeckten Reiz »meiner« Reiseart minderten sie nicht.
Das Ungeregelte war zur Regel geworden. Der "kommunale Weckdienst“ zum Beispiel früh um fünf am Strand von St. Tropez - Polizisten verscheuchten dann die Schlafsack-Schläfer - wurde als so "normal“ empfunden wie der in früheren Urlauben als “normal“ hingenommene Preis von 30 Francs für eine Cola in Nizza schockierte.
"Früher“ hätte mich die Beutelschneiderei in dem einen oder anderen Landgasthof auf der Fahrt zurück nach Norden nicht geschreckt - jetzt fuhr ich eben weiter
"Früher“ hatte ich Landschaft und Dörfer auf der Durchreise kaum wahrgenommen - jetzt lockte mich Glockengebimmel schon mal in ein Abseits-Dorf, wo ich mich auf den Stufen des Kriegerdenkmals von Clochemerle-Atmosphäre umspinnen ließ.
Nächte mit Ratten, großen Spinnen und Armeen von Ameisen in einer feuchten Schlossruine wechselten ab mit gelebten Träumen, wenn im Rhone-Tal in einem unscheinbaren Restaurant „Wachtel in fünf Gängen“ auf den Tisch kam und die bezaubernde Wirtin den am Tisch vergessenen Wein wie selbstverständlich ...ans Bett nachbrachte.
Und, auch daran gewöhnte ich mich:
Dass, wo immer ich mich abends niederließ und Einheimische dabei waren oder dazukamen, immer sehr schnell „la guerre“ ins Gespräch kam, der Krieg, der bei uns das Denken längst nicht mehr bestimmt. Und auch hier war er vor allem Grund, ein ewiges Thema neu aufzurollen und den Allemand der freundschaftlichen Empfindungen zu versichern bei einem ausgegebenen Bier, das doch das Nationalgetränk des Gastes sei, der ja aber viel lieber den Landwein der einladenden Gastgeber-Sinnierer getrunken hätte...
Und irgendwann in der Gegend von Metz war ich so voll von Erlebtem und Empfindungen und Denkanstößen, dass ich mehr nicht verkraftet hätte. Am Stück bin ich die letzten der 6000 Kilometer dieser vier Wochen nach Hause durchgefahren, um mein so ganz anderes Lebensgefühl zu meiner Frau zu retten. Und jetzt versuche ich zu verstehen, warum sie so offenkundig Schwierigkeiten hat, mich zu verstehen :- ))


Michael Maier