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![]() Als Karriere-Mensch
mal (auf Urlaubsdauer) alles hinzuschmeißen und sich treiben zu
lassen?
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AUSBRUCH |
Na ja - so ganz unberechtigt war die Reaktion meiner Frau ja vielleicht auch gar nicht: Wir hatten, wie üblich, unseren Jahresurlaub gebucht gehabt, so richtig konventionell mit Jet und feinem Hotel und Strandpromenade. Und dann war meiner Frau ein beruflicher Termin dazwischengekommen. Und jetzt kam sie gerade dazu, als ich auf dem Wohnzimmer-Fußboden den spontan gekauften Outdoor-Schlafsack aus dem nahen Bundeswehr-Laden ausprobierte. Immerhin - erklären durfte ich noch: Mein Urlaub nicht verschiebbar; mir schlagartig bewusst geworden, wie diktiert mein Leben in allen Bereichen von Terminen, Notwendigkeiten, Zwängen; ...uuund wie allgewaltig die Bereitschaft war, mich mal so richtig treiben zu lassen - im Solo-Urlaub mit dem Motorrad und kleinstem Gepäck und besagtem Schlafsack gen Südfrankreich. "Duuuuu?!?!?" - allein für die Art, wie meine Frau dieses harmlose Wort auf Satzlänge zog, hätte ich sie erwürgen mögen. "Ausgerechnet du mit deinen 35 Jahren willst noch Easy Rider spielen?" Zugegeben, für mich als schlipstragenden Büro-Menschen war es schon starker Tobak, was ich da vorhatte. Und was genau es werden würde, wusste ich auch noch nicht. Ich hatte weder Routenvorstellung noch ein festgelegtes Ziel. Nur weg jetzt, raus aus diesem Einerlei erstickender Konventionen! Und damit war es mir bitter bitter ernst. Das hat meine Frau dann doch erkannt, und einträchtig haben wir mein knappes Gepäck zusammengestellt. Das Hochgefühl am nächsten Tag hielt sich in Grenzen: Aus dem Nieselregen über der Norddeutschen T(r)iefebene wurde mit jedem Autobahnkilometer nach Südwesten handfester Landregen, und am Nachmittag in Brüssel hatte ich die Nase erst einmal voll. Der erste Abstrich von meinen Vorstellungen absoluter Freiheit war fällig: Zu einer Schlafsack-Übernachtung im Freien konnte ich mich nicht durchringen, ein "richtiges" Hotel kam ebensowenig in Frage. Ich entschied mich erst einmal für ein einfaches Gasthaus am Stadtrand, das ich nun finden wollte. Und da hatte ich dann plötzlich doch den Anfang des ersehnten Leitfadens in eine "andere", freiere Welt: Der Polizist, den ich in einem Vorort nach einem solchen Gasthaus fragte, entpuppte sich als passionierter Motorrad-Fan; er bestaunte meine Moto Guzzi-California, begann eine Fachsimpelei und befand schließlich, dass wir die wohl besser im Trockenen bei ihm zu Haus fortsetzen sollten. Und so kam ich zu einem netten Abend mit ihm und seiner Frau und zu einem kuscheligen Bett - bis zur verregneten Morgendämmerung. Der freundliche Polizist musste um sechs Uhr im Dienst sein, und so war ich früh um fünf schon wieder auf der Piste. Kurz hinter der französischen Grenze passierte es: Ein hochgeschleuderter Stein zerschlug mir die hohe Plexiglas-Windschutzscheibe. Pitschnass kam ich gegen acht in Paris an, und meine ohnehin gedämpfte Stimmung sank auf absolut Null, als mir in der einzigen Fachwerkstatt für meine Motorradmarke der Preis für die unumgängliche neue Scheibe genannt wurde. Jetzt reichte es mir wirklich! Die Umkehr, der Abbruch der Reise in die große Freiheit der besonnten Straßen im Süden, wurde zur beschlossenen Sache. Zu deren Feier mit einer trockenen Zigarette und einem schwarzen Kaffee steuerte ich ein Bistro an. Ein bisschen wehmütig ließ ich noch meinen Abschiedsblick schweifen: An einem Tisch saßen fröhlich lärmend ein paar ältere Leute, an einem anderen untermalte eine fast zahnlose Frau eine Diskussion mit vehementer Gestik. Der Kellner schlurfte lässig mit einer "toten" Zigarette im Mundwinkel über den kippenübersäten Kneipenboden. Und ich ertappte mich bei feuchten Augen, einem Lächeln und dem Gedanken: Voila - du bist ja in Paris! Ich
übertönte
die Beschämung über meinen Kleinmut wegen des bisschen Regens
mit der Bestellung einer weiteren Tasse Kaffee, rauchte noch eine
Zigarette
und stieg beschwingt wieder in den Sattel, um der Stadt nun meine
Aufwartung zu machen.
Ein bestimmtes Ziel
hatte ich ja nicht, und so ließ ich mich nach schneller
Gewöhnung
an den unglaublich dichten Verkehr und den Pariser Fahrstil zunehmend
genüsslich treiben. Wann immer ich dabei die Seine
überquerte, prüfte ich die Brücke beiläufig auf
ihre Eignung als Dach für die nächste Nacht.
Diesen Zahn zog mir
allerdings Jean-Pierre, der mich bei einer Pause in einem
Gehweg-Cafe vom Nebentisch her auf mein Motorrad ansprach:
Für mich sei eine Nacht unter den
Brücken absolut ungefährlich - aber am nächsten Morgen
müsste
ich wohl zu Fuß gehen, zur Polizei, um den Diebstahl meiner
Maschine
zu melden. Also: doch Hotel.
JeanPierre hatte
Zeit und fuhr mir auf der Suche voran. Außer einer
schweißtretenden Lektion im Motorradfahren auf Pariser Art kam
jedoch für mich nichts heraus: Alles war "complet" - Ferienzeit.
Ein Freund von Jean-Pierre,
den wir bei einer Such-Pause im Cafe trafen, hatte die rettende Idee:
Im Vorort Evry gebe
es ein neues Jugendhotel, gut und billig, der Weg sei nicht zu
verfehlen,
immer nur die Nationalstraße 20 lang. Recht hatte er: Es gab
freie
Zimmer, und die Übernachtung kostete gerade mal 116 Francs
inklusive
Frühstück - und was für einem, Buffet vom Allerfeinsten!
Gut gestärkt
(komisch - sonst frühstücke ich höchstens eine
Zigarette!) gönnte ich mir einen zweiten
Paris-Tag und verließ die Stadt am späten Nachmittag mit
einer
Träne im Auspuff.
Südlich von
Orleans kroch ich zum erstenmal in meinen Schlafsack.
Und jetzt war es da,
das Hochgefühl der Straßen-Freiheit! Leicht schlängelte
sich das Asphaltband durch weitläufige Laubwald-Hügel, und
als
ich um die Mittagszeit diesem Gefühl auf Nebenwegen bei Parnac die
Krone aufsetzte, stieß ich auf ein abgelegenes Gasthaus. Der
Rotwein zum besten Entrecôte meines Lebens ließ eine
Weiterfahrt nicht mehr zu, und beim Verdauungsspaziergang schlief ich
auf einer nahen Waldlichtung sanft und selig ein. Keine Frage: Dies war
mein Platz fürdie nächste Nacht.
Die Wirtsleute - sie
hatten ein Restaurant, keine Zimmer - freuten sich über mich als
einzigen Gast und zauberten mir zum Abendessen ein flambiertes Gedicht
aus Kalbsnieren in Zwiebelsauce, und zum Dessert gewährten sie mir
eine Dusche in
ihrem Haus. Ich lag noch lange wach im Schlafsack auf meiner Lichtung.
Der stille Wald
schien zu atmen. Ein leichter Wind bewegte das Laub, und unsichtbare
Tiere knisterten im Unterholz. Undefinierbare Laute von fern gingen
über mich weg,
ein Vogel in der Nähe flatterte aufgeschreckt auf - es war eine
gleichermaßen anspannende und beruhigende Geräuschkulisse
für einen Stadtmenschen wie mich.
Was hatte meine Frau
noch zu mir gesagt? Du spinnst!?
Ich bin sicher: Ich
habe gegrinst bei diesem Gedanken im Einschlafen.
Châteauroux,
Limoges, Câlus...
Die Sonne stand schon
tief über dem Limousin, als sich der Magen meldete. Die Bedenken
waren schnell beiseite gewischt: Die
Für-alle-Fälle-Angelschnur ohne Rute in einem Teich nahe der
Straße ausgeworfen - wenn einer
beißt, hat es sein sollen / dürfen.
Ein schmächtiger
Jungbarsch gab die Antwort und mein recht karges Abendessen.
Mit noch knurrendem
Magen hatte ich gerade den Schlafsack ausgerollt, da wurde ich in
ernstem Tonfall von hinten angesprochen. Eine junge Frau, so Mitte
Zwanzig, wedelte den Zeigefinger.
Erst dachte ich
schuldbewusst an meinen Teichfrevel, aber beim Wort "serpents"
klingelte etwas bei mir, und meine Nachfrage auf Englisch brachte
Klarheit: Die Frau machte mir
keine Vorwürfe wegen der Wildangelei, sondern warnte mich vor den
zum Teil giftigen Schlangen in der Umgebung.
Sie könne mir
zwar kein richtiges Bett anbieten, in der Scheune beim
Wirtschaftsgebäude aber, da sei ein trockener und vor allem: ein
schlangenfreier Platz für mein 'Moto' und mich! Erfreut folgte ich
ihr zu der angebotenen Schlafstatt.
Auf dem Weg dahin
stellte sie mir ihren Großvater vor, der in einer weiteren
kleinen Hütte in einer riesigen Pfanne etwas über offenem
Feuer brutzelte. Ungemein herzlich begrüßte er mich in einer
sehr harten Aussprache.
Sein 'r' rollte mehr als bei ihr. Ich verstand kein Wort davon und
beschränkte mich auf ein freundliches "Bonjour, Monsieur!" beim
kräftigen Händeschütteln.
"You must be very
hungry, hm?" fragte Françoise, seine Enkelin, mit verschmitztem
Augenzwinkern.
Da muss ich wohl puterrot angelaufen sein. Verlegen gab ich es zu.
Nach dem folgenden
französischen Wortwechsel zwischen den beiden schoss der Alte auf
mich zu, schob mich in die kleine Bank am Tisch und setzte mir,
ebenfalls zwinkernd, Wasserglas und Teller vor. Mit Schwung füllte
er zwei Gläser mit Ricard
und Wasser, und wir stießen an.
Begleitet von einem
lauten Wortschwall wandte er sich wieder seiner Pfanne zu, um mir
gleich darauf einen Teller mit einem aromatisch duftenden
Pilz-/Rühreigemisch (es waren mehr Pilze als Ei!) reichhaltig zu
füllen. In Windeseile war das Wasserglas randvoll mit Rotwein
gefüllt und das Pilzgericht mit einer gut daumendicken Brotscheibe
ergänzt. Völlig passiv und
freudig-verdattert verfolgte ich das stürmische Spektakel nicht
ohne
schwere Selbstvorwürfe wegen meiner ungefragten Selbstbedienung
vorher
am Weiher.
"Bon appetit!" nickte
mir der freundliche Großvater aufmunternd zu und hob sein Glas.
Während der
äußerst wohlschmeckenden Mahlzeit erzählte mir mein
liebenswürdiger
Gastgeber offensichtlich aus seinem langen Leben, ich verstand
mehrmals:
,la guerre'.
Immer wieder
zwischendurch schenkte er von dem trockenen Landwein nach.
Es wurde ein langer,
gemütlicher Abend. Proportional zur steigenden Alkoholisierung
nahm
die Verständigung zu. Schließlich beendeten wir das
zünftige
Mahl mit einem Calvados, den der - inzwischen auch leicht schwankende -
Alte uns aus einer schlanken Flasche einschenkte. Einer
militärischen
Zeremonie nicht unähnlich, stand er mit seinem Glas
aufrecht
vor mir. Ich nahm auch eine gerade Haltung an und antwortete so seinem
feierlichen
Ernst. Auf sein markiges “Salut!" tranken wir
zusammen.
Unser ganz persönlicher Anteil an versöhnlicher
Völker-freundschaft? Lange nach Mitternacht schlief ich zwischen
Traktor und Gerümpelecke in der Scheune ein.
![]() Der nächste
Morgen brachte mir die Möglichkeit zu einer kleinen Revanche. Auf
meine
diskrete Frage gab mir Françoise den Tipp, dass ihr
Großvater
sicher sehr gerne auf meinem Motorrad mitfahren würde; er
hätte
schon viel von seiner früheren Maschine gesprochen. Offenkundig
beglückt, nahm der alte Herr meine Einladung auch hurtig an und
krabbelte, einen
viel zu großen FeuerwehrHelm auf dem Kopf, begeistert auf
den
Soziussitz.
Wir fuhren langsam
über kleine Straßen durch das weite Teichgebiet und hielten
am Gastaus im nahen Dournazac. Dort tranken wir in Gesellschaft seiner
Nachbarn (ein tolles Hallo!) unseren Pastis. Wieder zurück auf dem
Hof, galt es
Abschied zu nehmen. Mit ehrlicher Traurigkeit drückte ich alle von
der reizenden Fischteich-Familie und fuhr weiter.
Die alle 500 km
fällige Ölstands-Kontrolle kündigte
Nachfüllbedarf an. Der dafür notwendige Schlauch - ich lieh
ihn mir an der kleinen Dorftankstelle - war jedoch offensichtlich
verstopft, das Öl drang nur tröpfchenweise hindurch. Mit
hilfloser Gestik sprach ich den Tankwart darauf an. Fachkundig
probierte er sein Glück - mit dem gleichen Erfolg. Jeden einzelnen
Tropfen aber kommentierte er mit einem befriedigenden ,“Aha!!!"
Geduldig beobachteten
wir gemeinsam das faszinierende Spiel der Schwerkraft. Unsere Situation
entbehrte wahrlich nicht der Komik. Schelmisch erklärte mir der
Tankwart mit übertrieben wichtigem Ton:
„C'est la passion
française!" Ebenso lächelnd überreichte er mir (gut 15
Minuten später!) eine Rechnung auf einem abgerissenen, kleinen
Zettel: 1/2 ltr. oil + „15 min. service". Wir lachten beide, als ich
vollständig bezahlte. Oui, dies Land ist ,errliiisch! Der so
charmant Geneppte fuhr lachend weiter.
Mittag in Bordeaux:
Aperitif, Entré (gebratene Puterherzen auf Salat), ein
phantastisch geknoblauchter Rindfleisch-Spieß, Wein
(natürlich: Bordeaux de Bordeaux!) und Dessert (fromage blanc).
Ich hatte das richtige kleine Restaurant ausgesucht!
Bordeaux, die zweite
französische Großstadt auf meiner Tour, bot den gleichen
Chic
der Damenmode auf der Straße wie Paris. Viel Lack und Leder in
den
verschiedensten Farben war ‘in' zur Zeit. Das sah man in den eleganten
Geschäftsauslagen
und in den Cafes.
Die Atlantikküste sei
grundsätzlich in Touristen-Hand - das hatte ich schon vorher
gehört. Dennoch leistete ich
mir kurze Abstecher zu den bekannten Badeorten Lacanau und Arcachon.
Meine Tagestour galt
dann jedoch mehr der Fahrt durch die grünen Niederungen der
westlichen
Gascogne.
L'Oasis - das
verschnörkelte Schild der Schenke an der Dorfstraße von
Pissos zog mich magisch
an. Wer sagt denn, dass ich heute wieder im Freien schlafen müsse?
Bei einem gemeinsamen Ricard erfuhr ich von dem Wirt, dass ich der
einzige
Gast in seinem winzigen Vier-Zimmer-Hotel sein würde. So etwas
verpflichtet - ich blieb! Von seinem Lohn als ehemaliger
Afrika-Söldner hatte
sich der Wirt diese Herberge und eine kleine Taxistation (er war der
einzige Fahrer!) zugelegt. Seine Schwester war zuständig für
Küchen- und Zimmerdienste. Nach dem mildgewürzten Abendessen
(in Olivenöl gebratener Seelachs) bei trockenem Weißwein
verabschiedete ich mich früh mit einer weiteren Karaffe ganz
schweren Rotweines (seine Empfehlung, “pour nuit!") in mein Zimmer.
„Wenn du nach Bayonne
kommst, dann musst du unbedingt den berühmten Schinken dort essen!
Nun, dieser Ermahnung meiner Frau hätte es bestimmt nicht erst
bedurft. Obwohl ich sicher sein musste, dass das Schwein meiner
Schinkenportion
höchstwahrscheinlich nie eine Eichel zu sehen, geschweige denn zu
fressen bekommen hatte, war ich doch entzückt von dem leichten und
würzigen Geschmack!
Es drängte mich
weiter nach Biarritz, dem weltberühmten Atlantik-Badeort, von dem
meine Eltern in den 50er Jahren so schwärmten. Mein Eindruck von
dem
geöffneten Strand war jedoch weniger enthusiastisch.
Statt mich in das
quirlige Strandleben zu stürzen, ging ich für eine
Erfrischung - es herrschten 31° gleich in das Strandcafe.
Meine Frage an den
Garçon, wo ich das Motorrad sicher abstellen könne - der
riesige Parkplatz erschien mir wenig vertrauenswürdig - brachte
mir eine wichtige Information: Der Besitzer des Strandgrundstückes
von nebenan sei für ein
paar Tage verreist. Dort, am Bungalow, wäre das Motorrad bestimmt
sicher. Vom Privatstrand aus könne man es immer sehen!
Super-exklusiv lag
ich also wenig später allein am völlig ruhigen
Strandstück
und lachte über die Ironie der Gegensätze: Ganz einfach und
urwüchsig wollte ich meinen Urlaub gestalten - und jetzt genoss
ich die Atlantiksonne wie ein Millionär!
Schon zwei Stunden
unter wolkenfreiem Himmel ohne Sonnenschutz reichten hier für das
typische Brennen, mit dem sich überstrapazierte Haut protestierend
meldet.
Noch lange danach sollte es mich beim Fahren an dieses, allzu
elitäre,
Strandvergnügen erinnern.
Die breite
Hauptverkehrsstraße bewusst außer acht lassend, kurvte ich
also (in betont gerader Haltung, der Bauch ‘knisterte’) auf einem
schmalen Landwirtschaftsweg in die Pyrenäen. Speziell für
Motorradfahrer zeigte sich diese Bergroute voller
gefährlicher Ü
berraschungen. Üblicherweise werden hier auch Tierherden über
die Serpentinen getrieben. Unvermeidliche Kothaufen können dabei,
besonders in den engen Schleifen, für unfreiwillige Rutschpartien
sorgen ...
Eine
ungewöhnlich hohe Vegetationsgrenze in den Pyrenäen bot
nahezu überall attraktive Schlafplätze für mich. An
einem schnell fließenden Bach ließ ich mich für die
Nacht nieder.
Noch vor dem
Frühstück am nächsten Morgen interessierten sich zwei
streng wirkende Polizisten für mein Nachtlager. Ihr barsches:
„Votre légitimation, s'il vous plaît!“ leitete eine
ausführliche Personen- und Gepäcküberprüfung ein
(ich musste alles auspacken!), die meiner ‘Landstreicherei’ galt.
Doch die zuerst so offiziell agierenden Beamten wurden bei meiner sich
erweisenden Harmlosigkeit zusehends freundlicher, und sie erlaubten mir
schließlich noch ein gemeinsames Erinnerungsfoto per
Selbstauslöser.
Entlang steiler
Felsschluchten und lieblicher Waldkuppen zog sich dann meine Strecke
bis Lourdes. Wenn ich auf meinem Weg bisher dem stärksten
Touristen-Rummel auch immer gut ausweichen konnte - hier war ich
mittendrin! Den ‘wundersam’ angestiegenen Ü
bernachtungspreisen in spartanischen Fremdenzimmern, umgeben von
kitschigen Plastik-Souvenirs überall, wollte ich mich nicht
aussetzen. Ich fuhr also weiter über die Garonne bis in das Ariege.
Wenn schon in der
Nähe, dann wollte ich den Kleinstaat Andorra auf keinen Fall
unbesucht lassen. Beim Aufstieg spuckte der Motor ausgiebig und
stotterte gerade noch bis vor ein kleines Hotel in Port d’Envalira.
Eine Gruppe von
norwegischen Motorradfahrern kam sofort dazu und bot mir Hilfe an.
"Probably:
ignition!« meinte einer von ihnen und wickelte schon die
Werkzeugtasche
aus. Ehe ich noch den Defekt überhaupt ausführlich
beschreiben
konnte, war der kleine Marktplatz kurzerhand zur Werkstatt
umfunktioniert. Tatsächlich stellte sich die völlig
verstellte Zündung als primäre Ursache heraus, die dann mit
vereinten Kräften und der
wortreichen Unterstützung durch freundliche Anwohner und Passanten
von den jungen Norwegern reguliert wurde. Danach verschafften wir dann
auch
dem unbefriedigten Sauerstoffbedarf des Vergasers noch Geltung und
stellten
dessen Düsen für die aktuelle Gebirgshöhe nach.
Spätestens beim
Bezahlen unseres Kaffee- und Kuchenverzehrs - meinem kleinen
Dankeschön
für die technische Hilfe - konnte ich eine Besonderheit des Landes
erleben: unvergleichlich niedrige Preise! Es gibt keine Steuern in
Andorra,
und dementsprechend günstig sind alle Waren und Dienstleistungen.
Für acht weitere
Tage genoss ich das himmlische Preis-Paradies, deckte mich mit
sinnvollen Ersatzteilen für das Motorrad ein und schwelgte in der
interessanten Küchenmischung von Frankreich und Spanien. Mit
echter Begeisterung
bekochte mich meine Hotel-Madame, eine reizende, uralte Frau mit
ständig
irgendwelchen Gewürz- oder Gemüsepflanzen in der großen
Schürzentasche, in Vollpension für nur 50 Francs (15
Mark...!)
pro Tag! Diese ausgesprochene ,Zeit des Müßigganges’ brachte
ich mit Bergwanderungen und Motorrad-Exkursionen in die
ursprüngliche Bergnatur zu. Der Abschied fiel mir sehr schwer.
Am Mittelmeer bei
Perpignan.... Regen! Überall beteuerte man mir, dass es der erste
Regen in diesem Sommer sei! Langsam fuhr ich im Regenanzug auf der
Küstenstraße. In Montpellier traf ich einen einheimischen
Motorradfahrer auf seiner alten, klapprigen BMW. Rückspiegel,
Bremslicht und Schutzbleche fehlten, die Verbrennungsgase knallten
schon vor dem Schalldämpfer durch große Rosflöchen "Sie
ist eben sehr alt!“ erklärte der Fahrer entschuldigend und lud
mich mit größter Selbstverständlichkeit zum Bleiben in
seinem Appartement ein, „bis die Sonne wieder scheint!“
Bei unserem typisch
südfranzösischen Frühstück am nächsten Morgen
schien die Sonne wieder regionsgemäß, und ich konnte meine
Fahrt in die Camargue fortsetzen.
Das als
Zigeuner-Wallfahrtsort bekannte Saintes-Maries-de-la-Mer stellte sich
als kommerzorientierter Mittelmeerbadeort mit
Einkaufsstraßen, Discotheken und Hotels vor. Meine
Übernachtung zwischen Stierweiden und Feuchtwiesen im Freien
brachte mir das höchst unangenehme Erleben von
Massenangriffen
blutrünstiger Mücken. Wenn die Stich-Schwellungen
auch
bis zu Hause hielten (und höllisch juckten) - den längst
entdeckten
Reiz »meiner« Reiseart minderten sie nicht.
Das Ungeregelte war
zur Regel geworden. Der "kommunale Weckdienst“ zum Beispiel früh
um fünf am Strand von St. Tropez - Polizisten verscheuchten dann
die Schlafsack-Schläfer - wurde als so "normal“ empfunden wie der
in früheren Urlauben als
“normal“ hingenommene Preis von 30 Francs für eine Cola in Nizza
schockierte.
"Früher“
hätte mich die Beutelschneiderei in dem einen oder anderen
Landgasthof auf der Fahrt zurück nach Norden nicht geschreckt -
jetzt fuhr ich eben weiter
"Früher“ hatte
ich Landschaft und Dörfer auf der Durchreise kaum wahrgenommen -
jetzt lockte mich Glockengebimmel schon mal in ein Abseits-Dorf, wo ich
mich
auf den Stufen des Kriegerdenkmals von Clochemerle-Atmosphäre
umspinnen ließ.
Nächte mit
Ratten, großen Spinnen und Armeen von Ameisen in einer feuchten
Schlossruine wechselten ab mit gelebten Träumen, wenn im Rhone-Tal
in einem unscheinbaren Restaurant „Wachtel in fünf Gängen“
auf den Tisch kam und die
bezaubernde Wirtin den am Tisch vergessenen Wein wie
selbstverständlich
...ans Bett nachbrachte.
Und, auch daran
gewöhnte ich mich:
Dass, wo immer ich
mich abends niederließ und Einheimische dabei waren oder
dazukamen, immer sehr schnell „la guerre“ ins Gespräch kam, der
Krieg, der bei uns
das Denken längst nicht mehr bestimmt. Und auch hier war er vor
allem
Grund, ein ewiges Thema neu aufzurollen und den Allemand der
freundschaftlichen Empfindungen zu versichern bei einem ausgegebenen
Bier, das doch das Nationalgetränk des Gastes sei, der ja aber
viel lieber den Landwein der einladenden Gastgeber-Sinnierer getrunken
hätte...
Und irgendwann in der
Gegend von Metz war ich so voll von Erlebtem und Empfindungen und
Denkanstößen, dass ich mehr nicht verkraftet hätte. Am
Stück bin ich die letzten der 6000 Kilometer dieser vier Wochen
nach Hause durchgefahren, um mein
so ganz anderes Lebensgefühl zu meiner Frau zu retten. Und jetzt
versuche ich zu verstehen, warum sie so offenkundig Schwierigkeiten
hat, mich zu
verstehen :- ))
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Michael Maier |