Er
bläst
effizienter als Lothar, verkauft sich millionenfach und spart dabei
noch Steuergelder. Trotzdem ist der Laubbläser eine Ausgeburt der
Hölle
Kürzlich fiel in unserer Strasse
das erste Blatt vom Baum. Es war ein grosses, malerisch vergilbtes
Ahornblatt; ein poetischer Bote des Herbstbeginns. Gemächlich
schaukelte, schwankte, trudelte das Blättlein der Erde zu
und wollte sich eben auf dem alten Kopfsteinpflaster zur wohlverdienten
Ruhe betten – als ein Mordsradau ausbrach: Von allen Seiten
gleichzeitig stürzten
schwer bewaffnete Männer herbei.
Jeder hielt einen brüllenden Windwerfer im Anschlag, der
peitschende Sturmwinde über die Strasse schickte. Damit wurde das
verzagte Ahornblatt nun unter furchtbarem Getöse durch
die Gegend gewirbelt, vorwärts, rückwärts in die
Luft katapultiert und schliesslich gnadenlos in die Gosse getrieben. Wo
es, völlig am Boden zerstört, liegen
blieb.
Jetzt war wieder Ruhe in unserer
Strasse – bis sich ein paar Minuten später fatalerweise ein
zweites Blatt löste. Und der Strassenkampf ging in die
nächste Runde.
So ist das immer im Herbst,
mittlerweile schon seit einigen Jahren. Kaum sind die sommerlichen
Rasenmäher verstummt, heulen wie Jagdhörner überall die
Laubbläser auf und ziehen aus, um die sterbende Natur vollends ins
Jenseits zu befördern.
In unserem Quartier besteht die Anti-Laub-Kampftruppe aus: einem
militanten Migros-Hauswart, einem gedungenen Gärtner und
dem städtischen Putzkommando. Diese Kriegsparteien
kämpfen ab Mitte September gemeinsam und meistens auch
gleichzeitig um beziehungsweise gegen jedes Blatt, das vom Himmel
fällt.
Ordnung muss schliesslich sein. Wo
kämen wir hin, wenn sich jedes dahergeflogene Ahornblatt einfach
irgendwo hinlegen könnte? Zahllose Bürgerinnen und
Bürger würden stürzen und sich die
Oberschenkelhälse brechen! Kinder würden von den
Skateboards fallen und noch üblere
Kopfverletzungen davontragen als sonst schon! Motorräder
würden ins
Schleudern geraten und in
Hausmauern
fahren!
Wer, bitte möchte das wollen?
Sicher niemand. Trotzdem würde ich den Erfinder des
Laubbläsers auf der Stelle erschiessen, wenn er mir vor
mein Luftgewehr liefe. Als armer
Erdensohn
und Stadtmensch hab ich mich ja inzwischen an allerhand
Höllenlärm gewöhnt. Doch mit diesen
omnipräsenten Laubbläsern werd ich einfach nicht fertig,
mental. Früher pflegte ich den
holden Herbst bei offenem Fenster mit Rilke-Gedichten zu feiern. Heute
verbarrikadiere ich mich von September bis April mit Ohropax im
Schlafzimmer.
Der Laubbläser ist der Hannibal
unter den Hof- und Haushaltsgeräten. Er geht mit
Elefantenkraft auf alles los, das ihm vor den Rüssel
beziehungsweise das Blasrohr kommt: auf
Flora
und Fauna, auf Ahornblatt, Cola-Büchse und Hundedreck. Nehmen wir
zum Beispiel den Zenoah Komatsu EB 6200. Dieses
Gerät bringt 2, 8 Kilowatt Leistung, hat 62 Kubikzentimeter Hubraum
und bläst mit 99 Metern pro Sekunde. Macht 356,4
Stundenkilometer. Dagegen war der Lothar eine lyrische Brise.
180'000 tragbare Luftbläser.
Dementsprechend hat der Laubbläser einen ohrenbetäubenden
Siegeszug hinter sich, vor allem in
den ordnungsliebenden Ländern deutscher Sprache. Die
laubspezifische Luftwaffe der Bundesrepublik pustet inzwischen aus
rund einer Million Rohren. Diese werden sowohl von
staatlich besoldeten Ordnungskriegern (Strassenputzer, Schulabwarte) wie
auch von privaten Partisanen
(Garagisten, Hausmeister, Villenbesitzer)ins Manöver geführt.
Wurden 1995 noch 10 000 tragbare
Laubbläser abgesetzt, spricht das deutsche Umweltministerium heute
von einem jährlichen Markvolumen von 180 000 Stück.
Dasselbe Bild in der Schweiz: auch sie
hat im letzten Jahrzehnt massiv mit Laubbläsern aufgerüstet;
Tausende von Stadtverwaltungen und
Gemeindekanzleien haben sich in Sachen Bevölkerungsschutz vom
Zivil- und Luftschutz radikal auf den
Laubschutz verlegt.
Kein Wunder, fühle ich mich auf
Schritt und Tritt von diesen motorisierten Heulbojen verfolgt.
Kürzlich ging ich, auf der Flucht vor den Stadtzürcher
Laubbläsern, nach
einer stillen Schifffahrt im schönen Dorf Wädenswil an Land –
wo gerade ein organge gekleideter
Herr damit beschäftigt war, unter Knattern und Getöse vier
oder fünf gefallene Blätter über die Seepromenade
zu treiben. Er bediente sich dazu
eins Laubbläsermodells namens Echo PB 46 LN oder so ähnlich.
Dieses äusserst explosive Gerät hat den
Wädenswiler Strassenmeister Werner Kunz
am Anfang der nationlaen Laubbläserbewegung, also vor zirka zehn
Jahren, angeschafft:“Ja, wir haben seinerzeit gleich
sechs
Echo-Rückengebläse bei der Firma Obrist, Affoltern, bezogen.
Allerdins setzen wir die Geräte vorwiegend auf
Waldwegen ein. Im Dorf und am See mit Rücksicht auf die Ahnwohner
hingegen
nur ganz selten. Und auch dann erst nach 9 Uhr. Ausser am
Fasnachtsmontag.“
Daniel
Obrist,
Inhaber des genannten Motorengerätegeschäfts in Affoltern am
Albis, erinnert sich mit grosser Begeisterung an den Beginn des
Laubbläserbooms: „Damals wurden
mir die Dinger
direkt aus den Händen gerissen. Ich habe einfach jeden
Morgen ein Dutzend Bläser in meinen Transporter
geladen
und bin damit von Gemeinde zu Gemeinde gefahren. Und am Abend
war das Auto leer. Weil nämlich jeder
örtliche
Strassenmeister auf der Stelle mindestens einen Laubbläser haben
wollte."
Eins simple Milchbüchleinrechnung
hatte die Kundschaft überzeugt: ein Laubbläser ersetzt drei
Strassenwischer. Oder wie es der
Stadtrat von Baden kürzlich formuliert hat:“Die Laubbläser
erbringen in der verfügaren Zeit eine wesentlich höhere
Arbeitsleistung. Ein Verzicht darauf hätte
massive personelle und finanzielle Konsequenzen.“
Unsere moderne Gesellschaft kann sich
ein Laubbläser-loses Leben inzwischen nicht mehr vorstellen und
auch nicht mehr leisten. Es lebe
das New-Public-Putz-Management! Dabei gäbe es doch das eine oder
andere Argument gegen diese
pneumatischen Foltergeräte. Zum Beispiel, dass ein „Blower“
wie Billy Goat, der laut Prospekt <die Kraft orkanartiger Winde
in ihren Garten bringt> mir auf der
Strasse neben dem Laub nachweislich massenahft Staub, Dreck,
problematische Bakterien sowie
wehrlose Kleinsttiere um die Ohren wirbelt. Oder dass mir so ein
Laubbläser-2-Liter-Verbrennungsmotor neben der Luft auch
unverbrannte Kohlenwasserstoffe ins Gesicht
haucht; zweihundermal mehr als jedes Auto. Oder dass mir diese
Höllenmaschine mit bis zu 112 Dezibel gegen das
Trommelfell hämmert; genau gleich wie ein guter alter
Presslufthammer.
„Die Lärmeinwirkungen in
Wohnquartieren durch Laubbläser halten sich im normalen Rahmen der
Baubranche“ beruhigte der Badener
Stadtrat neulich die Bevölkerung und schickte
damit ein Postulat der SP-Lokalpolitikerin Regula Dell’Anno-Doppler
bachab; dieses sollte die Administration zu einem
Laubbläser-Moratiorium bringen. In der Schweiz
verzichtet der Bund da lieber
gleich auf Lärmrichtlinien für Laubbläser und ihre
Seelenverwandten, die Rasenmäher und
Motorräder.
Der Kanton Zürich behandelt den Laubbläser rechtlich wie eine
Baumaschine. Und in der Stadt Zürich ist es zwar
gesetzlich verboten, „Lärm zu verursachen, der vermieden werden
kann“, doch in der Praxis sehen
sich nicht einmal die zuständigen Tiefbaubeamten veranlasst,
lärmreduzierte Laubbläser anzuschaffen. Das wäre
nämlich teurer. Und dann reicht
das Steuergeld
nicht mehr für die dringend benötigten Lärmschutzstellen.
Ich, für meinen Teil, wäre ja
schon überglücklich, wenn sich die Blasbrigaden an die
Empfehlung von Laubbläserlieferant Obrist halten
würden:
“Statt immer mit Vollgas sollte man mit arretierter Drehzahl
arbeiten. Da viel leiser und genauso effizient.“
Allerdings mach sich Obrist über
die Natur des genuinen Laubbläsers genauso wenig Illuisonen wie
ich:
<Die brauchen scheinbar dieses
Töfffahrer-Feeling. Das sind wohl die gleichen Typen, die
stundenlang an einem Motor herumschräublen, damit die
Serviertochter aufschaut, wenn sie mit ihrer
Maschine an der Gartenbeiz vorbeibrettern.>