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Tages Anzeiger Magazin  Nr. 40 2002



           Die Luftwaffe   



von Richard Reich




Er bläst effizienter als Lothar, verkauft sich millionenfach und spart dabei noch Steuergelder. Trotzdem ist der Laubbläser eine Ausgeburt der Hölle

Kürzlich fiel in unserer Strasse das erste Blatt vom Baum. Es war ein grosses, malerisch vergilbtes Ahornblatt; ein poetischer Bote des Herbstbeginns. Gemächlich schaukelte, schwankte, trudelte das Blättlein der Erde zu und wollte sich eben auf dem alten Kopfsteinpflaster zur wohlverdienten Ruhe betten – als ein Mordsradau ausbrach: Von allen Seiten gleichzeitig stürzten
schwer bewaffnete Männer herbei. Jeder hielt einen brüllenden Windwerfer im Anschlag, der peitschende Sturmwinde über die Strasse schickte. Damit wurde das verzagte Ahornblatt nun unter furchtbarem Getöse durch die Gegend gewirbelt, vorwärts, rückwärts in die Luft katapultiert und schliesslich gnadenlos in die Gosse getrieben. Wo es, völlig am Boden zerstört, liegen
blieb.
Jetzt war wieder Ruhe in unserer Strasse – bis sich ein paar Minuten später fatalerweise ein zweites Blatt löste. Und der Strassenkampf ging in die nächste Runde.
So ist das immer im Herbst, mittlerweile schon seit einigen Jahren. Kaum sind die sommerlichen Rasenmäher verstummt, heulen wie Jagdhörner überall die Laubbläser auf und ziehen aus, um die sterbende Natur vollends ins Jenseits zu befördern.
In unserem Quartier besteht die Anti-Laub-Kampftruppe aus: einem militanten Migros-Hauswart, einem gedungenen Gärtner und  dem städtischen Putzkommando. Diese Kriegsparteien kämpfen ab Mitte September gemeinsam und meistens auch gleichzeitig um beziehungsweise gegen jedes Blatt, das vom Himmel fällt.

Ordnung muss schliesslich sein. Wo kämen wir hin, wenn sich jedes dahergeflogene Ahornblatt einfach irgendwo hinlegen könnte? Zahllose Bürgerinnen und Bürger würden stürzen und sich die Oberschenkelhälse brechen! Kinder würden von den Skateboards fallen und noch üblere Kopfverletzungen davontragen als sonst schon! Motorräder würden ins Schleudern geraten und in Hausmauern fahren!
Wer, bitte möchte das wollen? Sicher niemand. Trotzdem würde ich den Erfinder des Laubbläsers auf der Stelle erschiessen, wenn er mir vor mein Luftgewehr liefe. Als armer Erdensohn und Stadtmensch hab ich mich ja inzwischen an allerhand Höllenlärm gewöhnt. Doch mit diesen omnipräsenten Laubbläsern werd ich einfach nicht fertig, mental. Früher pflegte ich den holden Herbst bei offenem Fenster mit Rilke-Gedichten zu feiern. Heute verbarrikadiere ich mich von September bis April mit Ohropax im Schlafzimmer.
Der Laubbläser ist der Hannibal unter den Hof- und Haushaltsgeräten. Er geht mit Elefantenkraft  auf alles los, das ihm vor den Rüssel beziehungsweise das Blasrohr kommt: auf Flora und Fauna, auf Ahornblatt, Cola-Büchse und Hundedreck. Nehmen wir zum Beispiel den Zenoah Komatsu EB 6200. Dieses Gerät bringt 2, 8 Kilowatt Leistung, hat 62 Kubikzentimeter Hubraum und bläst mit 99 Metern pro Sekunde. Macht 356,4 Stundenkilometer. Dagegen war der Lothar eine lyrische Brise.

180'000 tragbare Luftbläser. Dementsprechend hat der Laubbläser einen ohrenbetäubenden Siegeszug hinter sich, vor allem in den ordnungsliebenden Ländern deutscher Sprache. Die laubspezifische Luftwaffe der Bundesrepublik pustet inzwischen aus rund einer Million Rohren. Diese werden sowohl von staatlich besoldeten Ordnungskriegern (Strassenputzer, Schulabwarte) wie
auch von privaten Partisanen (Garagisten, Hausmeister, Villenbesitzer)ins Manöver geführt. Wurden 1995 noch 10 000 tragbare Laubbläser abgesetzt, spricht das deutsche Umweltministerium heute von einem jährlichen Markvolumen von 180 000 Stück.
Dasselbe Bild in der Schweiz: auch sie hat im letzten Jahrzehnt massiv mit Laubbläsern aufgerüstet; Tausende von Stadtverwaltungen und Gemeindekanzleien haben sich in Sachen Bevölkerungsschutz vom Zivil- und Luftschutz radikal auf den Laubschutz verlegt.
Kein Wunder, fühle ich mich auf Schritt und Tritt von diesen motorisierten Heulbojen verfolgt. Kürzlich ging ich, auf der Flucht vor den Stadtzürcher Laubbläsern, nach einer stillen Schifffahrt im schönen Dorf Wädenswil an Land – wo gerade ein organge gekleideter Herr damit beschäftigt war, unter Knattern und Getöse vier oder fünf gefallene Blätter über die Seepromenade zu treiben. Er bediente sich dazu eins Laubbläsermodells namens Echo PB 46 LN oder so ähnlich. Dieses äusserst explosive Gerät hat den Wädenswiler Strassenmeister Werner Kunz am Anfang der nationlaen Laubbläserbewegung, also vor zirka zehn Jahren, angeschafft:“Ja, wir haben seinerzeit gleich sechs Echo-Rückengebläse bei der Firma Obrist, Affoltern, bezogen. Allerdins setzen wir die Geräte vorwiegend auf Waldwegen ein. Im Dorf und am See mit Rücksicht auf die Ahnwohner hingegen nur ganz selten. Und auch dann erst nach 9 Uhr. Ausser am Fasnachtsmontag.“

Daniel Obrist, Inhaber des genannten Motorengerätegeschäfts in Affoltern am Albis, erinnert sich mit grosser Begeisterung an den Beginn des Laubbläserbooms: „Damals wurden mir die Dinger direkt aus den Händen gerissen. Ich habe einfach jeden Morgen ein Dutzend Bläser in meinen Transporter geladen und bin damit von Gemeinde zu Gemeinde gefahren. Und am Abend war das Auto leer. Weil nämlich jeder örtliche Strassenmeister auf der Stelle mindestens einen Laubbläser haben wollte."
Eins simple Milchbüchleinrechnung hatte die Kundschaft überzeugt: ein Laubbläser ersetzt drei Strassenwischer. Oder wie es der Stadtrat von Baden kürzlich formuliert hat:“Die Laubbläser erbringen in der verfügaren Zeit eine wesentlich höhere Arbeitsleistung. Ein Verzicht darauf hätte massive personelle und finanzielle Konsequenzen.“
Unsere moderne Gesellschaft kann sich ein Laubbläser-loses Leben inzwischen nicht mehr vorstellen und auch nicht mehr leisten. Es lebe das New-Public-Putz-Management! Dabei gäbe es doch das eine oder andere Argument gegen diese pneumatischen Foltergeräte. Zum Beispiel, dass ein  „Blower“ wie Billy Goat, der laut Prospekt <die Kraft orkanartiger Winde
in ihren Garten bringt> mir auf der Strasse neben dem Laub nachweislich massenahft Staub, Dreck, problematische Bakterien sowie wehrlose Kleinsttiere um die Ohren wirbelt. Oder dass mir so ein Laubbläser-2-Liter-Verbrennungsmotor neben der Luft auch unverbrannte Kohlenwasserstoffe ins Gesicht haucht; zweihundermal mehr als jedes Auto. Oder dass mir diese Höllenmaschine mit bis zu 112 Dezibel gegen das Trommelfell hämmert; genau gleich wie ein guter  alter Presslufthammer.
„Die Lärmeinwirkungen in Wohnquartieren durch Laubbläser halten sich im normalen Rahmen der Baubranche“ beruhigte der Badener Stadtrat neulich die Bevölkerung und schickte damit ein Postulat der SP-Lokalpolitikerin Regula Dell’Anno-Doppler bachab; dieses sollte die Administration zu einem Laubbläser-Moratiorium bringen.  In der Schweiz verzichtet der Bund da lieber gleich auf Lärmrichtlinien für Laubbläser und ihre Seelenverwandten, die Rasenmäher und Motorräder. Der Kanton Zürich behandelt den Laubbläser rechtlich wie eine Baumaschine. Und in der Stadt Zürich ist es zwar gesetzlich verboten, „Lärm zu verursachen, der vermieden werden kann“, doch in der Praxis sehen sich nicht einmal die zuständigen Tiefbaubeamten veranlasst, lärmreduzierte Laubbläser anzuschaffen. Das wäre nämlich teurer. Und  dann reicht das Steuergeld nicht mehr für die dringend benötigten Lärmschutzstellen.
Ich, für meinen Teil, wäre ja schon überglücklich, wenn sich die Blasbrigaden an die Empfehlung von Laubbläserlieferant Obrist halten würden:
“Statt immer mit Vollgas sollte man mit arretierter Drehzahl arbeiten. Da  viel leiser und genauso effizient.“

Allerdings mach sich Obrist über die Natur des genuinen Laubbläsers genauso wenig Illuisonen wie ich:
<Die brauchen
scheinbar dieses Töfffahrer-Feeling. Das sind wohl die gleichen Typen, die stundenlang an einem Motor herumschräublen, damit die Serviertochter aufschaut, wenn sie mit ihrer Maschine an der Gartenbeiz vorbeibrettern.>