|
Schweizer
|
Schweizer
|
Schweizer
|
Internationaler |
Virtuelle
|
meine
|
schweizer |
mein
|
meine |
Sally |
wöchentliches |
||||||||||||
| Home |
Kolumnen
|
Kurzgeschichten
|
Geschenke
|
|
Buchauszüge
|
Gästebuch | Bilder |
Swain |
Kreuzworträtsel |
| 1999 Spätschicht
![]() Carla raucht nun schon die dritte Zigarette, eine grosse Untugend für eine Krankenschwester, finde ich, hat ihre Beine auf meinen Salontisch gelegt und beteuert zum vierten mal: <Es ist die reine Wahrheit, was ich Dir da erzähle, nichts als die Wahrheit.> Diese reine Wahrheit erzählt sie mir morgens um halb eins, sie kommt direkt von der Spätschicht im Krankenhaus und ich sehe ein, dass sie das unbedingt loswerden will. Im Gegensatz zu ihrem unermesslichen Leiden, erscheint mir mein Anspruch auf Schlaf des nachts unbedeutend und völlig ungerechtfertigt. Aber hören wir, was sie zu erzählen hat: <Stell Dir mal vor, Monteure flicken die Alarmglocke und gehen punkt fünf nach hause! Freundlicherweise hinterlassen sie eine Alarmglocke, die ununterbrochen läutet und mit nichts und durch niemanden abzustellen ist. Die Monteure gehen längst ihrem Vergnügen nach und sind unerreichbar. Allein dieses unablässige Geläute ist schon zum Durchdrehen. Doch das ist bei weitem nicht alles. Nein, man will mich auf dem Überlebenstest noch ganz anders prüfen, oh ja.! > Sie schaut mich jetzt so erschöpft an, dass ich mich wundere, dass sie es überhaupt bis zum mir schaffte. <Also, das fing heute ja schon gut an! Klingelt um sieben Uhr das Telefon im Stationszimmer, ich soll eine frischoperierte Frau in der Operationssaal-Schleuse abholen, die warten da.. Ich will los, aber... zwei Sekunden später, ein Notfall trifft ein, ist schon am Empfang unten und wird jetzt hochgebracht. Und bitte, alles bereithalten für eine Infusionstherapie. Der Mann sei desorientiert, sturzgefährdet und hat ein offenes Magengeschwür. Derweil steht ein hilfloser Arzt im Gang rum und will von mir Wasserstoff haben und bitte noch Hilfe von mir, er möchte Fäden aus einer Operationswunde entfernen. Ja, kann er das denn nicht allein, bitte sehr? Der Notfall kommt jetzt auf der Bahre, der Mann vom Operationssaal ruft an, der Pfleger in der Schleuse wartet, Herrgott nochmal ! und der Arzt mit den Fäden versucht den Wasserstoff im Kühlschrank selber zu finden. Ich montiere die Bettgitter, bei dem Mann mit dem Magengeschwür, dem verwirrten, damit mir der nicht aus dem Bett steigt und noch hinfällt . Dann versuche ich jemanden zu finden, der mit in die Opsschleuse kommt. Niemand da. Geh ich halt allein und schiebe das Bett freundlich lächelnd ins Zimmer. Nicht ohne dem maulendem Ops-Pfleger noch eine Grimasse zu schneiden. Ich habe ja auch nur zwei Hände! Der Arzt vom Magengeschwür-Patienten ruft an und sagt, er komme erst um zehn in der Nacht her: "Schauen Sie einfach, dass er alles hat, was er braucht, zuerst eine Ampulle Antra. Intravenös. Und auf keinen Fall ein Bier." Gott sei Dank, zum Bier holen komm ich ja eh nicht. Nun ist die Schwesternhilfe plötzlich da und sagt, die Frau von Zimmer zwanzig hat ins Bett gemacht, die Frau von Zimmer sechzehn ist nach hinten gefallen und hat eine blutende Beule am Kopf. Und die Frau mit dem frischen Hallux> Ich weiss nicht, was ein frischer Hallux ist, aber ich wage nicht zu unterbrechen <möchte unbedingt auf den Balkon zum rauchen. Ausserdem sei der Direktor im Büro und wolle mich sprechen. Klar, dass ich zuerst zum Direktor gehe. Will der mich etwa rausschmeissen? Er hat eine Flasche Champagner in der Hand und sucht eine Mitarbeiterin, die hier operiert worden sei. Die ist nicht auf dem Zimmer und ich habe keine Ahnung, wo die hin ist. Ist mir auch noch nicht aufgefallen, dass da noch wer sein soll. Jedenfalls zottelt er wieder ab, mit der Flasche. Der Arzt mit den Fäden steht wieder da und fragt, kann man diese nerventötende Alarm- Glocke eigentlich nicht abstellen? Nein, man kann nicht... Die Frau mit dem Sturz, ich kann ihren Blutdruck nicht finden und der nette Arzt lässt sich überreden, mal zu ihr zu schauen. Er findet den Blutdruck *aufatme* aber die Frau fängt jetzt an zu heulen, weil ihr Mann erst im Januar gestorben sei und sie so völlig allein ist. Der Arzt tröstet, obwohl das gar nicht seine Patientin ist, er also nicht dafür bezahlt werden wird, aber er macht das gut und ich lasse die zwei allein. Ich geh jetzt mit der Schwesternhilfe erst mal die Bettwäsche wechseln von der Frau mit der Blasenlähmung und sie möchte gern etwas plaudern. Es ist ihr schrecklich peinlich und ich kann das verstehen, könnte es ihr auch erklären, aber ich hab keine Zeit.Ich lasse ihr die Schwesternhilfe da und bring dem Magengeschwür-Mann sein Antra. Die Infusionsleitung ist verstopft. Ausgerechnet, er zerrt ja auch immer dran und wickelt sich in die Schläuche ein. Nun ruft seine Frau ruft an und fragt, ob man ihm nicht ein Bier geben könne, ihr Mann hätte angerufen und verlangt, dass sie ihm eins vorbeibringt. Tut mir leid, der Arzt hat es verboten. Sie bringt ihm eins, später, heimlich, ich habe nichts gesehen, aber mir ist es recht, kann ich jetzt nicht brauchen, einen Patienten im Delirium tremens. > Das verstehe ich nun wiederum sehr gut. Hört sich ja furchterregend an, das mit dem tremens. <Erst muss ich jetzt mal nach der Frau schauen, die ich aus der Schleuse holte. Sie möchte aufstehen, ich helfe ihr. Ich lasse sie im Bad allein und gehe zur Frau mit dem Hallux. Sie weint vor Schmerzen und ich hole die fünfte Ampulle Morphium. Danach sehe ich sie im Vorbeigehen mit den Stöcken humpelnd auf den Balkon lossteuern, ach ja, sie wollte ja rauchen. Die Raucher sind immer am schnellsten aus dem Bett. Hoffentlich kann sie das ertragen, nach dem Morphium sollte ich eigentlich Blutdruck messen und Sauerstoff geben. Ich kann aber nicht, weil der Magengeschwürmann aus dem Bett zusteigen versucht. Er will nach hause. Die Frau mit der Beule getraut sich auch nicht mehr allein raus und möchte meine Begleitung, sie in Zimmer zwanzig hat schon wieder ins Bett gemacht, die frische Wäsche droht auszugehen, die Frau aus der Schleuse bleibt im Bad mit der Infusion hängen und reisst sie raus, es blutet heftig. Ich hoffe nur, sie bekommt keine Schmerzen. Irgendwer hatte noch Fieber und der Arzt nicht erreichbar und irgendwer bietet mir mal ein Eis an, den sehe ich entgeistert an. Wo soll ich die Zeit hernehmen, ein Eis zu essen? Dann kommt der Arzt vom Magengeschwür-Mann und füllt eine ganze Seite mit Verordnungen. Leider ist seine Schrift kaum leserlich, habe ich nicht anders erwartet und er ist gütig und erklärt mir alles. Leider auch noch die ganze Kranken-Geschichte, woher und wohin und warum, er hat ne Menge Zeit und ich sitze die ganze Zeit wie auf Nadeln, weil Infusionen ablaufen, Patienten auf die Toilette wollen und die Serie Blutverdünnungsspritzen liegt auch noch ungespritzt auf dem Tablett. Die Alarmglocke schellt unermüdlich und irgendwann kommt die Nachtwache. Ich liebe sie! Ich
liebe sie so sehr!>
Ich schaue Carla ganz entsetzt an. Wie kannst Du das nur aushalten? Carla drückt ihre siebte Zigarette aus, springt schwungvoll auf die Beine und sagt: Alles halb so schlimm..so ist das Leben! <Ah ja>, denke ich für mich. <Kann ja sein, wahrscheinlich gibts noch Schlimmeres.Bestimmt sogar!> Nur fällt mir im Moment nichts ein... |