Ich will
alles, und sofort!
Ich bin 'Lebenskünstler', habe zwar kein nennenswertes
Einkommen, dafür
aber ständigen Geldmangel, viele Schulden, noch mehr Wünsche,
und sehr viel
freie Zeit!
Diese freie Zeit verbringe ich jetzt oft auf Spaziergängen. So
auch diesmal.
Zwischen der "Piepe" (einem kleinen Weiher in der Bremer Vorstadt)
und der kleinen Weser schlenderte ich also schon eine ganze Weile als
ich
plötzlich eine dünne, melodische Stimme von hinten hörte:
"Hallo, Pst-pst! Haalloo...!"
Ich drehte mich zwar sofort um, doch ausser einem einzelnen
Rentner, ganz
da hinten, konnte ich nichts erkennen. Auch in den Gebüschen neben
dem Weg
schien niemand zu sein.
Wieder: "Hallo, du da! Pst-pst, ich bin hier unten!"
Ich sah nach unten. Da lagen nur Steine. Der eine davon, ein
länglicher,
eigentlich sehr schöner heller, glatter Stein, der 'sprach' da
gerade mit mir
...:
"Na, endlich, ich schreie mir schon die Kehle nach dir aus! Ich
bin
dein Zauberstein!" und betont: "Ich kann dir alles zaubern!"
Verdutzt schaute ich näher hin.
"Ja, Mensch, ich bin doch dein kleiner Zaubersteini!" beteuerte
er mir wieder in sehr geziertem Ton.
Da nahm ich ihn auf. Es fühlte sich leichter an und
irgendwie weicher als
er aussah, und ich spürte auch eine gewisse Wärme. Er hatte
sich vielleicht nur
in der Sonne ein wenig aufgeheizt.
"Sieh' da, ein Zauberstein!" entfuhr es mir ironisch. Aus
Unsicherheit mit dieser verrückten Situation wirkte ich wohl
blasierter als
beabsichtigt, denn der Stein klang nun sehr indigniert als er mich
aufklärte:
Er sei also ein Zauberstein, und weil ich ihn gefunden hätte
- das wäre
nur ausgesuchten Menschen möglich - könnte er nun für
mich zaubern! Und, ich
solle ihn nicht so ungläubig ansehen. Das behindere ihn nur bei
der Arbeit! Die
sei nämlich gar nicht so einfach!
"Na, bitte." dachte ich, "Dann mal los!" Sollte er
mir doch zeigen, was er kann. Da drüben, auf der
'Herrlichkeit'
(Halbinsel zwischen Weser und Nebenarm), da stand schon lange so'n
schäbiger
Baukran herum und verschandelte den Weserblick. Der sollte weg!
Kaum hatte ich mir das gedacht...
wirklich - just in diesem Augenblick war der Kran fort!!!
Ich rieb mir die Augen, irgendwie konnte ich nicht klar sehen. Der Kran
war
nicht mehr da!
Puh, dieser Stein war wirklich etwas Besonderes! Ich hielt ihn schon
gleich
viel vorsichtiger!
Ich mußte ihm meine Anerkennung zollen: "Klasse, du verstehst
deinen
Job!" Denn ich sah auch die Erfüllung aller meiner Wünsche
vor mir! Und
ratterte sofort mit meinen Zauberaufträgen los.
"Halt-halt!" protestierte der Stein atemlos, "nicht so
schnell mit deinen dummen Wünschen! Du mußt nämlich
wissen, dass ich für dich
leider nur dreimal zaubern kann! Für einmal hast du mich ja schon
da drüben
aufräumen lassen! Habe ich ja auch gerne für dich getan! Nun
bist du aber auch
ein bisschen vorsichtiger mit deinen Zauberei-Aufträgen, nicht
wahr, mein
Großer!"
Oh, das war ein Schlag! Nur noch zwei Wünsche! Also eines war
klar, an meiner
finanziellen Situation mußte sich ganz dringend etwas
ändern!
Die heutige Fernsehlotterie gab mir die passende Chance: 6 Mio. Mark im
Hauptgewinn! Und, den wollte ich haben! Pff..., alles oder nichts!
"In Ordnung, gebonngt!" kommentierte gleich der Stein,
"und dein letzter Wunsch, mein starker Mann...?"
Ja, was sollte ich mir jetzt wünschen? Für diese
üblichen Standards:
-Gesundheit, langes Leben, schönes Heim, liebende Frau und
Familie- dafür war
ein einziger Wunsch zu klein! Ich fing an zu grübeln!
Hey..., und dann hatte ich es!
Mit möglichst harmlosem Ton in der Stimme vergewisserte ich mich
noch mal beim
Stein: "wirklich alles, was ich mir wünsche? Du kannst mir alles
zaubern?"
"Jaa! Nu-mach' doch, aaah - gibs mir! Ich bin schon ganz
verrückt
danach!"
Na, der sollte sich wundern!
"Nun, mein lieber Zauberstein... also, dann zaubere mir bitte
deinen
Nachfolger! Einen neuen Zauberstein bitte!"
Ich konnte richtig sehen wie der Stein dabei erstarrte.
"Wwwie bitte... ? Oooh-nein, bist du gemein!"
"Ich bin nicht gemein, sondern nur intelligent! Außerdem
sind das
deine Spielregeln! Also, kannst du nun, oder kannst du das nicht...?"
"Ja, doch!" gab er dann knirschen zu.
"Und, wo ist der neue Zauberstein?
"Zaubersteine bekommt man nicht so einfach geliefert...,"
dozierte er jetzt in enttäuschtem Ton, "...man kann sie nur
finden!
Aber, ich halte mein Wort! Sei beruhigt, mein Süßer," und
ein bißchen
eifersüchtig, "Hier auf diesem Weg wird er auf dich warten! So, und
nun habe ich wirklich genug für dich gearbeitet - meine Freizeit
beginnt, und
halte mich nicht so fest! Bitte, setze mich jetzt wieder ab!"
Nicht ohne Lächeln tat ich ihm den Gefallen, strich zum
Schluß noch einmal
freundlich über ihn und ging dann weiter.
Ich war ganz baff! Mensch, was hatte ich da bloß am Wickel? Also,
wenn das auch
alles nur Einbildung und vielleicht noch Restalkohol von Utes gestrigen
Geburtstagsfeier war, da hatte mich ihr Vater nämlich ganz
schön
abgesüffelt..., das mit dem Baukran, vorhin, das ist ja wirklich
passiert!
Übrigens, daran seht ihr auch, daß ich euch hier kein
Märchen erzähle, der Kran
ist weg!
Na-ja, ich zweifelte also noch an allem herum, da hörte ich auch
schon den
nächsten Stein:
"Hey, pst..., du da..., ey..., hier her ...!"
Dieser Zauberstein schien weniger feinsinnig zu sein. Die Stimme und
Redensart
wirkten eher praktisch-dynamisch.
Ich fand ihn auch gleich. Er gefiel mir, nicht so glatt und hübsch
wie der
andere, aber er war okay. Na, ich wußte ja auch schon, was die
Steine zu
leisten in der Lage sind!
So sprach ich ihn auch gleich sehr freundlich an:
"Fein, dein Kollege hat nicht übertrieben! Wirklich, flotter
Service! Also, für die Zaubereien, da dachte ich mir
Folgendes:...!"
Doch er unterbrach mich gleich ziemlich rüde :
"Näi, nu mal nich so flott, min Djung,näch! Ich will
dich dja man
örst n'büschen aufkläärn, nä?"
Unverkennbar kam dieser Zauberstein aus der Hamburger Ecke, und es
sollte mich
gar nicht wundern, wenn der mal auf'm Kiez (Vergnügungsviertel in
Hamburg)
durch irgendein Fenster geworfen wurde.
"Nu hör aba mal auf, du! Ich komme aus einem sehr gepflegten
Rosenbeet in Blankenese...!" und entrüstet: "uund doa wörden
keine
Steine in Fenster geworfen, nä!"
"Oh, verzeih bitte! Ich wußte natürlich nicht...!"
"Nee, und daß wir alle Gedankenlesen können, das
wußtest du auch
nich, nä?" Betreten nickte und schüttelte ich den Kopf.
"Aba..," fuhr er gedehnt fort, "zaubern, nä, also zaubern,
das kann ich nur euiinmol für dich! Tja, iss nu mal so -
Schicksal, nä!?"
Aber, was sollte ich mir so schnell Intelligentes für die letzte
Zauberei
wünschen? Das hätte ich ja auch schon gleich bei dem ersten
Zauberstein haben
können!
"Jaaa also, wenn dir das mit mir nicht passt, nä, ...dann
musst du
dir ja auch von m i i i r goar nix zaubern lassen!!! Iss für dich
alles dja
sowieso goaaanz freiwillig! Dat mut ok nich sin!"
"Nein-nein," beeilte ich mich gleich, um ihn nicht noch weiter
zu erzürnen (der war aber kompliziert!).
"...ich wollte ja nur nichts Falsches wünschen! Also, den
Hauptpreis
in der Lotterie, heute abend...,"
"Ja, iss in Ordnung! Hauptgewinn, wird erledigt!"
"Nein-nein, guter Stein...",
"guter Z a u - b e r -Stoin, büdde!"
"ja-ja, guter Zauberstein, äh nein-nein, das mit dem
Hauptgewinn,
das war nicht..."
"Dja, wohl'n büschen schwer von Entscheidung, der djunge
Mann, was?
Dein Wunsch ist es also nu, den Hauptpreis n i c h t zu
gewinnen...???"
"Doch-doch, nein-nein, aber..."
Einerseits gingen mir meine Nerven nun wirklich auf dem Zahnfleisch,
andererseits: Warum eigentlich nicht? Doppelt hält besser! Klar,
ich lasse den
Stein einfach...
"Z a u - b e r -Stoin, büdde!"
"Verzeihung, ja natürlich: Zauberstein" (diese
Gedankenleserei
war ja wirklich nervig!).
Ganz einfach: Dann habe ich auch die absolute Sicherheit, dass nichts
daneben
geht! Hurra, ich werde Lotterie-Millionär! Mönsch, 6
Millionen Mark! Da kann
man nicht meckern!
"Sooo, und wenn der Häär nu boald fäddig ist...
dann könnt' ich mich
dja vielleicht widder meinem Sonnenbad widdmen, näch?"
"Oh-ja, natürlich!!" Mit einem vertraulichen: "Und
herzlichen Dank nochmal!" legte ich also den Zauberstein vorsichtig
wieder
an den Wegesrand. Er räkelte sich noch einmal und blieb dann
völlig unbeweglich
liegen.
Beschwingt und zufrieden ging ich jetzt nach Hause! Unterwegs huschte
ich noch
schnell zu meinem Lebensmittelhändler hinein und flötete
vergnügt:
"N'Abend Herr Filius! Mein Finanzkrise ist bald zu Ende!"
"Oh, wie erfreulich, Herr Maier, Sie wollen Ihren Zettel
bezahlen?" er wedelte schon mit meiner langen Schuldenliste hinter dem
Tresen.
Da mußte ich ihn aber noch ein bißchen vertrösten,
"Nein-nein, Herr Filius, heute abend leider noch nicht!. Aber
bald,
sehr bald!"
sagte ich ihm mit der ganzen Ladung Zuversicht, die ich gerade selbst
erst
getankt hatte,
"Wissen Sie, es kommen die Gelder wieder herein, wie in alten
Zeiten! Ich habe schon ganz feste und ernste Zusagen!"
Wenn der wüßte, welche Summen mich gerade
beschäftigten, ...ha!
Ich kaufte also erst noch einmal kräftig auf Pump bei ihm ein,
denn mein
Zaubererfolg wollte gebührend gefeiert werden! Herr Filius liess
sich gerne von
meiner guten Laune anstecken, denn die Kiste Champagner, seinen
köstlichen
Lachs, vier Dosen Kaviar und die vielen anderen herrlichen Sachen, die
waren
sonst nicht mein üblicher Umsatz bei ihm!
Als die Fernsehlotterie abends begann, wartete ich natürlich schon
ganz
gespannt! Doch es wurden ja erst noch diese Sach- und anderen
Trostpreise
gezogen. Ach, was für eine Freude das im Publikum auslöste!
Es war richtig
rührend zu sehen, wie aufgekratzt die sich schon über einen
Kleinwagen oder
so'n einfaches Reihenhaus freuten!
Aber dann stoppte die Lostrommel!
Ein Tusch vom Studio-Orchester, dann kam die junge Frau mit den
verbundenen
Augen wieder an die Trommel. Zur Ziehung des Hauptgewinnes!
Meines Hauptgewinnes!
Die Glücksfee langte in die Lose, griff zu und zog die
geschlossene Hand
zurück!
Meine Aufregung könnt Ihr sicher nachvollziehen: Ich wusste ja,
welches Los sie
da in der Hand hatte!
Sie ging damit zum Ziehungsbeamten, das Los wurde geprüft, ein
Zettel
ausgefüllt und zur Ansagerin gebracht! Ich konnte jetzt keinen
Schluck
hinunterbekommen. Gleich liest sie meinen Namen vor...!
Ich stellte den Ton am Fernseher etwas lauter, und dann
begann sie mit diesem freundlichen Blick.
Sie sah mich direkt an!
"Meine sehr verehrten Zuschauer und Zuschauerinnen," oh, sie
lächelte mich so süß an! Diese Ansagerin werde ich dann
auch zu mir einladen!,
"...Sie sahen soeben die Ziehung des Hauptpreises unserer
diesjährigen Fernseh-Lotterie, 6 Millionen Mark in bar! Doch
leider ist uns
dabei ein Mißgeschick passiert...!"
Ich hörte wohl nicht richtig! Was für ein Mißgeschick?
Was machen die da mit
meinem Geld??? Mir brach der Schweiß aus!
"...es wurden versehentlich zwei Lose gleichzeitig gezogen, an
dem
gezogenen Hauptgewinn hatte sich leider noch ein zweites Lose verhakt!
Die
Ziehung ist also ungültig und wird nach dem nun folgenden
Werbeblock
wiederholt!
Also jetzt... die Werbung, bleiben Sie dran"
Beide Zaubersteine hatten..., ich blieb nicht dran!
Meine selbstgestrickte Moral:
Ich weiß jetzt, wie man sich Zaubersteinen gegenüber
nicht verhält!
Falls ich noch einmal einen finden sollte, werde ich mich ihm
würdig
erweisen!
Und..., ich will jetzt nicht mehr alles....
und auch nicht sofort!
von Michael
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