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Die Stadt im Lee ![]() von Jürg Rohrer |
Zürich macht zufrieden, sehr zufrieden. Es ist eben alles da: Ein See zum Baden, ein Fluss zum Promenieren, originale Häuser vom Mittelalter bist zur Neuzeit – begehbare Architekturgeschichte. 1500 Beizen, 150 Klubs und rund herum Wälder und Hügel für die kleine Einsamkeit. Die grössere Einsamkeit ist in den Voralpen mit S-Bahn und Wanderschuhen in zwei Stunden zu haben. Gewiss, für eine schöne Sandwüste müssen wir nach Afrika, aber mit der Silbernen beim Pragelpass haben wir in Sichtweite der Stadt eine riesige Karstwüste. Der Klöntalersee hält mit jedem Fjord mit, und viel kunterbunter als an der Langstrasse geht’s auch in der dritten Welt nicht zu. Wer in Zürich nachtaktiv ist, kippt weder in New York noch in Los Angeles aus den Schuhen. Einzig bei den Hochhäusern und Hochstrassen sind wir etwas schwach auf der Brust, aber es wird zurzeit ja fleissig geplant. Alles da also. Alles? Was fehlt, ist der Wind. Zürich ist seemännisch gesprochen, eine Stadt im Lee – auf der vom Wind abgekehrten Seite der Welt. Es müsste ein Wind sein, der von weit her kommt, ein Wind wie am Meer, der nach Ferne riecht und Fernweh weckt. Denn ohne Wind und Fernweh geht uns etwas ab: die Sehnsucht. Sehnsucht ist wichtig, weil nur dann, wenn sie für einen Moment erfüllt wird, sich kurz das Glück einstellt. Wer das ganze Jahr über in der norddeutschen Tiefebene lebt und von Bergen träumt, wird allein schon vom Säntis verzückt. Für uns ist er eine Seilbahnstation. Mieter aus Essen oder Gelsenkirchen finden auf dem Zeltplatz am Zugersee einen Traumstrand. Und man schaue einmal den Holländern und Belgiern beim Passfahren zu: Die erleben den Susten als Wunder. Im reich beschenkten Zürich ist man sehr zufrieden, nur glücklich wird man hier nicht. Deshalb diese enorme Dichte an psychotherapeutischen Praxen. |
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erschienen im Tages
Anzeiger im September 2003
mit der freundlichen
Genehmigung des Autors
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