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| Tages-Anzeiger Magazin Nr. 41 2002 Bitte
nicht kacken
Christian Seiler
Hundehalter in Zürich habens nicht leicht. Eine Wohnung werden sie nicht finden, und für ihre Lieblinge ist so ziemlich alles verboten, ausser sittsam an der Leine zu gehen. Richtig zornig wurde ich erst nach dem Gespräch mit der Wohnungsvermieterin, die zu nett war, um mir geradeheraus ins Gesicht zu sagen, dass sie ihre hübsche 90-Quadratmeterwohnung im Seefeld keinesfalls an einen Mieter mit Hund zu vergeben gedenke. Nicht, dass ich abschlägige Bescheide dieser Sorte nicht gewöhnt bin: Wer in Zürich eine Wohnung sucht, muss mit jeder Art von Demütigung rechnen. Da ist die Botschaft, dass man eine Wohnung nur deshalb nicht bekommt, weil zur Familie ein Hund gehört, geradezu erfrischend nachvollziehbar. Ich habe Wohnungen auch deshalb nicht bekommen, weil Freunde, die ich eingeladen hätte, nach der Mahlzeit eventuell eine Zigarette rauchen würden und meine Stereoanlage grösser ist als ein Taschenbuch. Meistens reicht jedoch schon das ausgefüllte Formblatt <2 Ausländer mit Kind, 15 Monate, und Hund suchen Wohnung im Stadtgebiet>, um den Maklern und Vermietern ein mitleidiges Lächeln ins Gesicht zu zaubern. <<Gar nicht so einfach>>, lautet die Standartantwort, << meinen Sie wirklich das Stadtgebiet von Zürich?>> Besagte Vermieterin hatte, was für sie sprach, nicht die Kraft, mich höhnisch abzuschmettern und zu fragen ob neben dem Hund vielleicht auch noch ein Dromedar, eine Phyton und vier Vogelspinnen einzögen, nein danke, ihre Wohnung sei kein Zoo. Sie druckste während unseres Telefongesprächs herum. Früher habe ein Hund in diesem Haus gewohnt. Ach, dieser Gestank im Lift. Das machte mich hellhörig. Herumdrucksende Vermieterinnen sind potenzielle Vertragspartner, und immerhin hatte früher schon ein Hund im Haus gewohnt, nein, meiner riecht wie ein Blumenstrauss! Bellt nicht, schnurrt. Er heisst Barolo, originell, nicht wahr? Ich redete wie ein Wasserfall. Man darf nur nicht aufhören, Vermieterinnen akustisch in die Augen zu schauen. Das ist das Wichtigste. <<Wie gross ist denn der Hund?>> seufzt die Vermieterin, mürbe von meinem Redeschwall. <<Ja>>, antwortete ich. <<Ein Hund>> <<Gross also>>, sagte die Vermieterin. <<Keine Katze>> relativierte ich. Dann hielt ich den Mund. Das hilft manchmal auch weiter. <<Würden Sie mir eins versprechen?>> fragte die Vermieterin nach quälender Pause, und ich hörte an ihrem Tonfall, wie brüchig ihr eigenes Versprechen geworden war, niemals wieder einen Hund zu beherbergen. <<Was immer Sie wollen>> sagte ich vorsichtig, um nicht triumphierend zu klingen. <<Versprechen Sie mir, keinen neuen Hund zu nehmen, wenn Ihr jetziger, ähhh....nicht dass ich ihm das wünsche...., wie alt ist er denn?>> In diesem Augenblick hätte ich retroperspektiv betrachtet, gern etwas wirklich Grobes gesagt und aufgelegt. Aber ich hörte mir zu, wie ich log, meinen wunderschönen, fünfeinhalbjährigen Hovawart drei Jahre älter machte und mich brechender Stimme davon berichtete, was für ein schwieriges Alter dieses neunte Lebensjahr denn sei, gut ein Drittel aller Hovawarts überlebe es nicht, und, nein, ein Nachfolger sei auf keinen Fall vorgesehen, wie könnte ich....Die finale Demütigung bestand übrigens nicht darin, dass ich die Wohnung natürlich nicht kriegte, sondern dass ich, bevor die Vermieterin dreimal krähte, meinen Hund verraten hatte. Wobei, ohne mich billig aus der Affäre ziehen zu wollen: Dem Hund war das wurscht. Das schlechte Gewissen hatte ohnehin ich. Der Hund hatte, nachdem ich ihm zum Trost die übriggebliebenen Panzer einer Krebsensuppe verfüttert hatte, nur schlechten Atem. Helvetischer Dressurhund Es ist nicht einfach in Zürich einen Hund zu halten. Noch schwieriger ist es, in Zürich mit einem Hund von Statur und Charakter zu leben, nicht mit einem helvetischen Dressurhund, der so gedrillt ist, dass er auf zwei Beinen gehen kann, Schweizerdeutsch bellt und sich bei der Migros selbstständig die Müllsäcke kauft, die er vorsorglich ins Futter mischt, damit der Hundsdreck gleich vakuumdicht verpackt hinten rauskommt. Die Angst der Zürcher vor der Hundekacke ist nämlich schlicht paranoid. Es gibt in der Stadt mehr Automaten mit Robidog-Tüten als irrtümlich irgendwo abgesetzte Hundehaufen, ein Verhältnis, das den Wiener zum Staunen und den Pariser zum Grübeln zwingt. Beim Benützen der für den Zweck der Hundeentleerung übersichtlich eingezäunten und abseits von öffentlichen Flächen angelegten Karrees herrscht eine derart selbstverständliche Disziplin, dass man an die psychoanalytische Tiefenwirkung der Rekrutenschule glauben mag oder an die transatlantische Strahlkraft von Rudy Giulianis <<Zero Tolerance>>-Verdikt, das selbst Hollywood-Stars zwang, ihren Lieblingen im New Yorker Central Park mit dem Schäufelchen nachzulaufen, wenn sie nicht riskieren wollten, gesteinigt zu werden (oder war das in Afghanistan) Ich will damit kein Plädoyer für uneingeschränkte Hundeentleerung im Stadtgebiet halten, aber die Kunst der Schweizer, Hundedreck im Moment ihrer Produktion zum Verschwinden zu bringen, gibt mir zu denken .Gilt der Hygienetaumel nur für Hunde? Werden die Kinder hier zu Lande schon halbjährig auf den Topf gesetzt? Gibt es auf dem Klo überhaupt Lichtschalter, oder passiert, was dort passiert, für alle nervenschonend im Dunkeln? Mehr noch: Ist das Robidog-Syndrom nur ein Baustein jenes schweizerischen Grundkonsenses, der alles, was Lärm macht und schmutzt, möglichst weit weg vom eigenen Wirkungskreis verbannt: Hunde, Kinder, Autos? Hundefeindlicher Konsens Selbst auf dem Land, wovon Schweizer reichlich besitzen, wachsen die Robidog-Automaten aus dem Boden. <<Lieber Hundebesitzer>>, so die aufklärenden Begleitworte, <<bitte lass dein Vieh nicht in diese Wiese kacken, die Kühe werden krank davon.>> Ursache für BSE entdeckt? Das Hauptproblem besteht für mich übrigens nicht darin, die Haufen meines Hundes Barolo zu entsorgen. Das Hauptproblem mit der Hundehaltung in Zürich besteht im hundefeindlichen Konsens, der sich stets und überall in offenem Misstrauen äussert, das dem Hundehalter entgegengebracht wird, sobald sein Vieh auf Zehenspitzen eine Grünfläche betritt. Ob der Hund einen Maulkorb trägt, interessiert keinen Menschen, und ob er ein zähnefletschendes Ungeheuer ist oder ein freundlicher Spielkamerad, fällt niemandem auf, weil die Aufmerksamkeit ganz auf das andere Ende des Tiers gerichtet ist. Jeder zweite Passant fühlt sich bemüssigt, dich mit erhobenem Zeigefinger darauf hinzuweisen, dass es aber ganz und gar illegal ist, wenn der Hund hier und jawoll, das ist eine Sauerei, und wenn das jeder täte. Blockwartprosa eben. Es macht dabei nicht den geringsten Unterschied, wenn du als vertrauensbildende Massnahme bereits Gummihandschuhe angezogen hast und einen Kübel schwenkst, auch wenn diese Utensilien in merkwürdigem Kontrast zum tadellosen Strassenanzug stehen. <<Beliebte Hunde wissen, was sich gehört>> Der Robidog-Slogan formuliert das Credo dieser Gesellschaft in Hundefragen bedrohlich eindeutig. ..Eine Freundin erzählte mir, dass sie beim Lüften ihres Hundes Happy – ironischer Name für ein Schweizer Hundevieh- von einem Rentner verfolgt worden sei, der ein Handy in der Hand hielt und damit drohte, die Polizei zu verständigen, falls der Hund in die Wiese kacken würde. Aber Happy musste nicht. Schade eigentlich. ![]()
Beliebte Hunde in Zürich wissen, was sich gehört
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